Review: Call Me By Your Name

Seit der gefeierten Premiere beim Sundance Festival im Januar 2017 wird Call Me By Your Name von der Kritik gefeiert, dass man meinen könnte, Engelschöre würden den Einzug ins Kino am 1. März begleiten. Ob auch wir in den Lobgesang einstimmen, hier unser Review.

Sommer, 1983. Der 17-jährige Elio Perlman (Timothée Chalamet) verbringt die Sommerferien mit seinen Eltern in ihrer Villa aus dem 17. Jahrhundert im ländlichen Norditalien. Sein Vater (Michael Stuhlbarg) ist ein angesehener Professor für griechisch-römische Kultur und seine Mutter (Amira Casar) ist Übersetzerin. Elio spielt Klavier, trifft sich mit seiner besten Freundin Marzia (Esther Garrel) und liest ein Buch nach dem anderen. Es verspricht ein Sommer zu werden, wie jeder andere. Aber als Prof. Perlmans Sommerpraktikant, der 24-jährige amerikanische Doktorand Oliver (Armie Hammer), eintrifft, ist es vorbei mit Elios Seelenfrieden. Was nützt es ihm Englisch, Italienisch und Französisch zu können, wenn er nicht die richtigen Worte findet?

Call Me By Your Name basiert auf André Acimans gleichnamigen und gefeiertem Roman. Der dreifach Oscar-nominierte Regisseur James Ivory (Zimmer mit Aussicht, Was vom Tage übrig blieb) schrieb das Drehbuch und zwar so gut, dass der 89-jährige direkt eine vierte Oscar Nominierung erhielt und bereits u.a. den BAFTA und Critics Choice Award dafür gewann. Kein Wunder, denn es bietet eine Basis von erfreulicher Natürlichkeit, auf der Regisseur Luca Guadagnino und die Schauspieler aufbauen konnten. Genauso natürlich erzählt Guadagnino. Hier gibt es keine Momente, wo nur noch ein blinkender Neonpfeil fehlt, um darauf aufmerksam zu machen, dass es sich um eine Boy meets Boy Geschichte handelt.

In den USA erhielt der Film eine Freigabe ab 17, genauso wie z.B. Deadpool. Sicherlich nicht wegen expliziter Sex-Szenen, denn die sucht man hier vergebens. Sie hätten, so Guadagnino, die Geschichte nicht weitergebracht, also schwenkt die Kamera ab – ohne dass dabei die Leidenschaft der Szene verloren geht. Mal davon abgesehen, dass man in den USA so einem Film aus Prinzip eine hohe Altersfreigabe aufdrückt, könnte man auch boshaft vermuten, dass man es einem jüngeren Publikum wohl kaum zumuten kann, eine glückliche Beziehung ganz ohne Bestrafung (Aids, soziale Ächtung), zu zeigen. Welch Gedankengut das fördern könnte! Hier bekam der Film die FSK: ab 12 Jahren.

So natürlich wie Guadagnino die Geschichte einer ersten großen Liebe erzählt, so spielen sie Timothée Chalamet (Oscar-nominiert) und Armie Hammer auch. Eine bessere Besetzung hätte man sich nicht wünschen können. Gesegnet mit gutem Aussehen, Charme und bemerkenswerter Chemie zwischen ihnen, verleihen sie ihren Figuren Tiefe und bringen komplexe Emotionen hervor ohne jede erkennbare Anstrengung. Dass sich Elio und Oliver verlieben kommt einem völlig normal vor, denn nicht zuletzt dank der tollen Schauspieler transzendiert die Geschichte gesellschaftliche Normen. Wer sich hier dennoch daran stört, der muss sich nicht nur mal locker machen und sich fragen, ob er überhaupt schon einmal richtig verliebt war, sondern der verpasst auch einen wirklich schönen Film.

Das Besondere an Call Me By Your Name ist, dass es keinen typischen Antagonisten oder übliches Drama gibt. Elio wird nicht von der Familie verstoßen, Oliver nicht aus der Villa gejagt, und keiner wird sterbenskrank. Das Umfeld ist liebevoll und so normal, wie es wohl wünschenswert wäre. Michael Stuhlbarg als Elios Vater hat eine große Rede, aber auch sie wirkt wie alles an diesem Film natürlich. Wahrscheinlich gehört sie deshalb zu den gefeierten Szenen des Films, genauso wie das lange Close-Up auf Chalamets Gesicht am Ende. Dazu ist der Film sehr humorvoll. Wer die Möglichkeit hat, den Film im O-Ton sehen zu können, sollte dies wahrnehmen – allein schon für Hammers “Later”.

Der heimliche Star des Films sind, da sind sich die meisten einig, Armie Hammers Shorts. Noch kürzer und er hätte erst gar keine anziehen brauchen. Ein Glück hat er die Beine für. Eine Nominierung für die besten Kostüme gab es nicht, aber Giulia Piersanti hat einen tollen Job gemacht. So natürlich ist ihr der 80er Jahre Sommerferien-Look gelungen, dass es verglichen mit Kostümfilmen täuschend einfach und ohne jegliche Anstrengung wirkt. Aber hätte sie der Versuchung nachgegeben, den Look nostalgisch auf die Spitze zu treiben, es hätte dem Film viel genommen.

Diese Zurückhaltung gilt, mit Einschränkungen, auch für die musikalische Untermalung des Films. Ein Mix aus klassischer Musik, 80s  (z.D. Lady Lady Lady aus Flashdance) und extra dafür geschriebenen neuen Songs von Sufjan Stevens (Oscar-nominiert: Mystery of Love). Das Ergebnis ist sehr sommerlich und sehr 80s. Wenn man an diesem Film etwas aussetzen kann, dann vielleicht, dass an einigen wenigen Stellen die musikalische Untermalung etwas aufdringlich ist. Da wird in die Tasten gehauen und die Musik schwillt an, als gälte es einen emotionalen Eisschrank abzutauen und man denkt sich: aber ich fühle doch schon! Aber, dass ist zum einen Empfindungssache und zum anderen Nörgeln auf extrem hohem Niveau.

Fazit

Call Me By Your Name erzählt in sehr kurzweiligen 132 Minuten nicht mehr und nicht weniger als die Geschichte einer ersten großen Liebe. Stimmungsvoll, sommerlich, humorvoll und sehr entspannt umgesetzt mit großartigen Schauspielern, muss man wohl aus Stein sein, um davon nicht berührt zu sein. Jetzt schon einer der schönsten Filme des Jahres.

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9.5
Schön

Pros

  • Großartige Darsteller
  • Wunderschön verfilmt
  • Tolles Drehbuch
  • Tolle Musik
  • Hammers Shorts

Kontras

  • Musik gelegentlich aufdringlich

Unser Fazit


Handlung
9
Präsentation
10