Review: Der Seidene Faden

Bereits am 1. Februar ist Der Seidene Faden in den Kinos angelaufen. Von der Kritik hochgelobt, mit einem aktuellen Metaschnitt von 90 und für sechs Oscars nominiert – in kurz: ein Film, den man wohl gesehen haben muss. Oder besser nicht?

Niemand kann Reynolds Woodcock (Daniel Day-Lewis) in Sachen Mode und Schneiderkunst das Wasser reichen. Unterstützt von seiner Schwester Cyril (Lesley Manville) kleidet er Adlige, Filmstars, Erbinnen, Damen aus der Society und Debütantinnen im London der Nachkriegsjahre ein. Frauen kommen und gehen im Leben des Modemachers, dienen dem überzeugten Junggesellen als Inspiration und leisten ihm Gesellschaft. Bis er Alma (Vicky Krieps) kennenlernt. Eine junge, natürliche und unbefangene Frau mit starkem Willen. Und sein maßgeschneidertes Leben, kontrolliert und planvoll, beginnt sich an den Säumen aufzulösen…

Wer das Prädikat wertvoll braucht, um den Kinobesuch zu legitimieren, oder sich ohnehin nur an Programmkinokunst ergötzt – solange darin nicht gelacht wird, der ist bei Der Seidene Faden genau richtig und braucht nicht weiterlesen. Wer sich aber schwer mit bedeutungsschwangerem Schweigen, unsympathischen Figuren und dröger Handlung tut, oder der Haute Couture Roben wegen ins Kino will, der sollte für einen Moment die Oscar-Nominierungen vergessen und weiterlesen, denn sonst können die 131 Minuten sehr lang und sehr qualvoll werden.

Er ist dominant und sie will dienen. Er ist kontrolliert und sie unsicher. Er kann nicht ohne sie. Sie bekommt von ihm teure Designerroben. Ein Maskenball. Die Machtverhältnisse in der Beziehung verändern sich… da klingelt doch was. Richtig. Fifty Shades of Grey. Wem die Ähnlichkeit bereits in der Szene des ersten Aufeinandertreffens auffällt, für den ist der Film gelaufen. Es wird nicht besser, selbst wenn man den Vergleich nicht zieht, denn im Grunde geht es in Der Seidene Faden nämlich mal wieder nur um eine völlig ungesunde Beziehung. Glorifiziert mit guten Schauspielern und erlesenen Bildkompositionen. Aber, um einen überaus bildhaften Vergleich zu bringen: man kann einen Misthaufen mit noch so vielen Girlanden schmücken, es bleibt trotzdem ein Misthaufen.

Als wäre es nicht schon schlimm genug, dass es mal wieder nur um eine verkorkste Beziehung geht, ist die Handlung auch noch anödend vorhersehbar. Dazu sind die Figuren zutiefst unsympathisch und man muss sich nicht schämen, wenn man sich irgendwann wünscht, dass sich einer der beiden eine große Schneiderschere greift und dem anderen und somit dem Film ein frühes Ende bereitet. Oder noch besser: dass sie zusammen bei einem Ausflug über eine Klippe fahren. Schade wäre es nur um das schöne Automobil. Es spricht natürlich für die Schauspieler, dass man sie so wenig leiden kann, aber sollte man wirklich aus dem Kino kommen und dankbar dafür sein, dass Daniel Day-Lewis in Rente geht? Auch wenn seine Darstellung gefeiert wird, kann sie auf manche arg gewollt wirken. Das gilt übrigens nicht für die wirklich wunderbare Lesley Manville, die etwas an sich hat, als wäre sie aus einem alten Hollywoodfilm entstiegen.

Natürlich wäre eine Besprechung des Film nicht vollständig, ohne auf die Kostüme einzugehen. Ja, sie sind von erlesener Qualität. Nein, es lohnt sich nicht, deswegen ins Kino zu gehen. Auf youtube gibt es genügend Dokumentationen über die Haute Couture Häuser in Paris, die unlängst spannender sind und ohne Beziehungsdrama auskommen. Apropos Youtube: in Harmonie mit dem Ganzen, ist auch die Musik völlige Geschmacksache. Man kann sie als stimmungsvoll empfinden oder man wünscht sich, Jonny Greenwood (Radiohead) hätte sich vom bedeutungsschwangeren Schweigen inspirieren lassen.

Fazit

Wie man Der Seidene Faden findet, hängt völlig von den eigenen Sehvorlieben ab: Überbewertetes Schnarchfest für Freunde von Spannung und Action, ein Kunstwerk für Freunde des Programmkinos, ungesunden Beziehungen und Paul Thomas Anderson, und für Filmstudenten eine Fundgrube. Ästhetisch ist er ohne Zweifel, aber mangels interessantem Inhalt und selten unsympathischen Figuren, kann man ihn wohl kaum als Meisterwerk für ein breites Publikum bezeichnen.

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4.5
Dröge

Pros

  • Tolle Ausstattung & Kostüme
  • Clevere Filmreferenzen
  • Lesley Manville
  • Erlesene Bildkompositionen

Kontras

  • Langatmig & bedeutungsschwanger
  • Zutiefst unsympathische Figuren
  • Enervierende Musik
  • Viel zu lang
  • Langweilig weil vorhersehbar

Unser Fazit


Handlung
2
Präsentation
7