Review: Mord im Orient Express

Ab 9. November darf man wieder die Frage stellen: musste das jetzt wirklich sein? Denn mit Mord im Orient Express kommt das nächste Remake in die Kinos. Aber wie lautet jetzt die Antwort?

Nach dem Abgang einer Schneelawine steckt der Orient Express fest. Eine ungemütliche Situation, zumal einer der Gäste ermordet wurde. Jeder der dreizehn Reisenden in diesem Abteil könnte der Mörder sein. Womit der Mörder nicht gerechnet hat: auch Hercule Poirot reist mit dem Orient Express und die kleinen grauen Zellen arbeiten auf Hochtouren, um den Mörder zu entlarven, bevor der Zug wieder in Bewegung kommt.

Es liegt in der Natur des Remakes mit dem Original verglichen zu werden. Der Krimi von Agatha Christie von 1934 ist ein Meisterstück des Detektivromans und Sidney Lumets mehrfach Oscar-nominierte Adaption (1974) gilt als Klassiker. Die Messlatte liegt hoch und im direkten Vergleich lässt sich die Neuverfilmung in einem Wort beschreiben: überflüssig. Es ist eine pompöse Neuverfilmung, in der Regisseur Kenneth Branagh (Cinderella) zwar die volle Breite der Leinwand besser für imposante Landschaftsaufnahmen nutzt als Lumet, allerdings kann er nicht dieselbe Spannung erzeugen oder aus seinem Star-Ensemble auch nur ansatzweise dieselbe Leistung rausholen (Ingrid Bergman gewann den Oscar & BAFTA als Beste Nebendarstellerin).

Was aber taugt die Neuverfilmung, wenn man weder Roman noch Lumets Version kennt? Nun, wer opulentes Kino mag, wird hier bedient. Landschaftsaufnahmen, Dekor, Kostüme – für das Auge ist es eine wahre Freude. Der Anblick der Star-Besetzung lässt ebenfalls auf großes Kino hoffen, aber wie schon eingangs erwähnt, leuchtet nicht jeder Stern so hell, wie er vielleicht könnte. So spielen u.a. Penélope Cruz, Willem Dafoe, Sergei Polunin und Lucy Boynton überzogen. Das Drehbuch und die Regie sind dabei nicht ohne Schuld. Immerhin schaffen es Judi Dench, Michelle Pfeiffer und Johnny Depp über das schwache Drehbuch hinweg zu spielen. Trotzdem: ein Krimi sollte mehr ansprechen, als nur die Augen. Aber es will sich kein dringliches Gefühl in einem einstellen, herauszufinden, wer es denn war. Was nicht ganz Sinn der Sache ist.

Das Grundproblem liegt bei Branagh. Einerseits will er einen klassischen Whodunnit servieren, andererseits versucht er das Ganze mit etwas Humor und Action einem moderneren (oder jüngeren) Publikum schmackhaft zu machen. Ob ihm das gelungen ist, liegt wohl am subjektiven Empfinden. Plumb und ungeschmeidig lautet das Urteil in diesem Review. Auch der Spannungsaufbau lässt zu wünschen übrig, denn zu hastig eilt die Handlung auf die Lösung zu. Warum Branagh das für eine gute Idee hielt, ist das wahre Rätsel, denn insgesamt geht der Film über lange und teils langweilige 120 Minuten. Der Wunsch, einen großen Film zu machen, ist immer erkennbar, aber Branagh stolpert oft über seine eigenen Ambitionen. Mit seinen Regieentscheidungen versucht er Besonderes zu bieten, übersieht dabei aber oft, dass eine etwas einfachere Version viel effektiver gewesen wäre. Hier kann man sich den Verweis auf Lumet nur schwer verkneifen.

Ein Hercule Poirot Film steht und fällt natürlich auch mit seiner Hauptfigur. Als wolle er Agatha Christies Geist besänftigen, spielt Branagh ihn mit einem gewaltigen Schnurrbart (Christie ließ 1974 verlauten, dass Albert Finneys Schnurrbart viel zu unbedeutend sei). Es ist schwer, ihn nicht an seinen Vorgängern zu messen. Er ist sicherlich nicht schlechter als Finney, der ihn etwas arg magenkrank spielte, aber im Vergleich mit David Suchet, der Poirot in der TV-Verfilmung 2010 spielte, kommt er als geradezu alberne Figur weg. Selbst wenn man beide nicht kennt, wirkt seine Darstellung irgendwie … unkorrekt. Was nichts ist, was man im Zusammenhang mit Hercule Poirot hören möchte. Vielleicht liegt es auch am Intro, der unsäglichen Anfangssequenz des Filmes, die versucht sein unvergleichliches Deduktionstalent und seine exzentrischen Eigenheiten humorvoll zu präsentieren.

Fazit

Weder wirklich schlecht noch wirklich gut entgleist Kenneth Branaghs Remake beim Versuch das Original mit Prunk zu übertreffen. Überflüssig, uninspiriert und streckenweise langweilig hängt der Unterhaltungsfaktor stark von den Vorkenntnissen (umso weniger, umso besser) und der Vorliebe für große Bilder und Dekor ab. Eine würdige Romanadaption ist es nicht.

MerkenMerken

MerkenMerken

MerkenMerken

MerkenMerken

5
Überflüssig

Pros

  • Große Landschaftsaufnahmen
  • Pfeiffer, Dench & Depp

Kontras

  • Schwache Performances
  • Schwaches Drehbuch
  • Kaum Spannung
  • Action Star Poirot = Fail

Unser Fazit


Handlung
5
Präsentation
5