Review: Lion – Der lange Weg nach Hause

Am 23. Februar kommt der für sechs Oscars nominierte Film Lion: Der lange Weg nach Hause in die Kinos. Dev Patel erhielt für seine Rolle bereits den prestigeträchtigen BAFTA, den Preis der britischen Filmakademie, genauso wie Luke Davies für das adaptiertes Drehbuch. Trotzdem die Frage: was für ein Löwe ist es – brüllend, zahnlos oder einfach schön?

Der fünfjährige Saroo (Sunny Pawar) bettelt seinen großen Bruder Guddu (Abhishek Bharate) an, ihn zur Arbeit mitzunehmen, denn er will auch helfen. Guddu gibt nach und nimmt ihn mit. Am Bahnhof bittet er ihn, kurz dort zu warten, bis er sich nach Arbeit erkundigt hat. Aber Stunde um Stunde vergeht und Saroo schläft schließlich vor Erschöpfung in einem haltenden Zug ein, in dem er nach Münzen und Essenresten gesucht hat. Als er aufwacht, ist der Zug in Bewegung und er hält erst am anderen Ende des Kontinents in Kalkutta. Saroo irrt er wochenlang durch die gefährlichen Straßen der Stadt, bis er in einem Waisenhaus landet, wo er von Sue (Nicole Kidman) und John Brierley (David Wenham) adoptiert wird, die ihm ein liebevolles Zuhause in Australien schenken.

Viele Jahre später lebt Saroo (Dev Patel) in Melbourne, ist beruflich erfolgreich und wohnt mit seiner Freundin Lucy (Rooney Mara) zusammen. Er könnte rundum glücklich sein, aber der Gedanke daran, dass seine Mutter und sein Bruder ihn noch immer suchen, lässt ihn nicht los. Nacht für Nacht fährt er mit Google Earth auf seinem Laptop das Zugnetz Indiens ab, zoomt auf hunderte von Bahnhöfen und sucht nach Hinweisen auf seinen früheren Wohnort. Er hat die Hoffnung schon fast aufgegeben, als er auf ein Dorf stößt, das seiner Erinnerung entspricht.

Das Leben schreibt die unglaublichsten Geschichten und Saroo Brierleys ist so eine. Aber auch die unglaublichste Geschichte muss erstmal richtig erzählt werden. Zum Glück für das Publikum stand nicht nur Saroos Schicksal unter einem günstigen Stern, sondern auch die Produktion von Lion. Es gibt viele Möglichkeiten so eine extrem emotionale Geschichte zu erzählen, viele Ereignisse, auf die man den Fokus legen kann, ganz zu schweigen von der Entscheidung, welchen Ton man wählt. Drehbuchautor Luke Davies und Regisseur Garth Davis, der hier sein Spielfilmdebüt gibt, entschieden sich für eine geradlinige Erzählung ohne Schnickschnack, wie z.B. Voice-Over Erzähler. Weil sie dem Zuschauer zutrauten, dass er das volle Ausmaß der Situationen, in die gerade Saroo als Kind gerät, erkennt, kann die Geschichte ihre emotionale Wucht voll entfalten.

Lion erzählt in der ersten Hälfte wie Saroo verloren ging und schließlich in Australien ein neues Zuhause fand. In der zweiten Hälfte geht es um die Suche des erwachsenen Saroo nach seiner leiblichen Mutter und um das Thema Adoption. Die unverschnörkelte Erzählweise verlangt nach Schauspielern, die einen emotional mit auf die Reise nehmen können. Hierin liegt Lions größte Stärke: Patel, Kidman und Pawar sind herausragend. In Pawar fand man einen Kinderdarsteller, der wohl Steine erweichen könnte. Er strahlt kindliche Unschuld und eine ungewöhnliche Stärke aus. Der kleine Saroo ist ein Sonnenschein. Weil Patel hier eine seiner bisher besten Schauspielleistungen hinlegt, funktioniert nicht nur der Übergang in der Geschichte so gut, sondern überhaupt der ganze Film. Er ist ein erwachsener Sonnenschein – nur mit einer dunklen Wolke auf dem Gemüt. Patel spielt so gut, so unangestrengt, dass er die emotionale Tiefe der Geschichte für den Zuschauer greifbar macht und dass man ihn einfach mögen muss.

Nicole Kidman und David Wenham sind perfekt als seine Eltern. Besonders Kidman ist wunderbar. Sie hat vielleicht nicht viele Minuten auf der Leinwand, aber jede einzelne davon zählt. Den Respekt, den man für die echte Mrs. Brierley anschließend hat, ergibt sich aus ihrer Darstellung. Wie Patel ist Kidman für einen Oscar nominiert. Eine Nominierung, neben der für Film und (adaptiertes) Drehbuch, erhielt auch Greig Fraser für seine Bilder, welche die Landschaft und Stimmung einfangen, und einem noch lange im Gedächtnis bleiben. Ein weiteres Highlight ist der ebenfalls nominierte Soundtrack von Hauschka & Dustin O’Halloran, der zusammen mit den Bildern, der Geschichte und den Schauspielern das Mitnehmen von Taschentüchern zu einem absoluten Muss macht.

Wenn man etwas an Lion bemängeln kann, und viele Kritiker haben das gemacht, dann das stark gedrosselte Tempo in der zweiten Hälfte. Man kann es aber auch als nur konsequent und angemessen betrachten – denn die Suche nach dem Dorf seiner Kindheit mit Google Earth ist eine langwierige, frustrierte Angelegenheit. Indien ist groß. Das Dorf ist klein. Er war fünf. Sowas dauert – hätte man die Suche und die damit eingehende persönliche Problematik auf fünf Mausklicks und ein paar Minuten reduziert, dann hätte es sich vermutlich nicht richtig angefühlt. Weil sich der Film auch gar nicht so lang anfühlt wie seine 118 Minuten Laufzeit, ziehen wir deswegen keinen Punkt ab.

Fazit

Lion – Der lange Weg nach Hause erzählt eine unglaubliche, aber wahre Geschichte vom Überleben, von Heimat und Familie, von Adoption und Google Earth. Regisseur Garth Davis, die Schauspieler (toll: Patel, Kidman und Pawar) und alle anderen Beteiligten haben daraus einen spannenden, lebensbejahenden und zutiefst berührenden Film gemacht. Es ist ein wirklich schöner Film. Warum er Lion heißt, erfährt man am Ende. Nicht ohne Taschentuch ins Kino gehen.

9
Bewegend

Pros

  • Bewegende Story
  • Tolle Schauspieler
  • Soundtrack

Kontras

  • 2. Hälfte für manche zu entschleunigt

Unser Fazit


Handlung
9
Präsentation
9