INSIDE OUT

Ein Interview mit “Alles steht Kopf” Co-Regisseur Ronnie Del Carmen

Im Zuge der Heimkino-Veröffentlichung von Pixars Alles steht Kopf im vergangenen Februar, hatten wir das Glück dem Co-Regisseur des Films, Ronnie Del Carmen, ein paar Fragen stellen zu können. Del Carmen war dabei nicht nur zusammen mit Pete Docter für die Regie des Films zuständig, sondern schrieb auch die Story des Films. Im Rahmen unseres Interviews ging er ausführlich auf die Entwicklung des Films ein, der uns restlos begeistern konnte. Seine Antworten wurden zwecks Verständlichkeit aus dem Englischen übersetzt und in ihrer Formulierung etwas angepasst. Viel Spaß beim Lesen!

©2015 Disney•Pixar. All Rights Reserved.

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Interview (dt. Übersetzung)

BluGadgets: Alles Steht Kopf war unser Lieblingsfilm 2015 und ein sehr emotionales Kinoerlebnis für uns. Die Kreativität des Films war atemberaubend. Inwiefern unterscheidet sich die Geschichte von andere Pixar Filmen?

Del Carmen: Er unterscheidet sich von allen anderen Pixar Filmen, denn Pete Doctors Konzept sah vor Emotionen als Figuren zu verwenden. Es war eine großartige konzeptionelle Herausforderung, aber auch eine technische. Noch nie hat jemand eine Emotion gesehen. Niemand weiß, wie eine Emotion aussehen würde, würde man sie tatsächlich darstellen können. Also mussten wir eine ganz neue Spezies von Lebewesen erfinden. Jeder weiß, wie ein Spielzeug aussieht, wie ein Auto aussieht, also hat man etwas womit man arbeiten kann, aber Emotionen … das war schwierig.

Wir wussten von Anfang an, dass wir einen langen Weg vor uns hatten. Wir können uns zwar Dinge ausdenken, von denen wir denken, dass sie Emotionen darstellen, aber wir wollten sicher gehen, dass wenn das Publikum unsere Figuren im Kino sieht, dass sie sie glaubhaft finden würden. Dass sie die Emotionen erkennen, wenn sie sie sehen. Pete hat die Emotionen so beschrieben: „Also, sie sind anders als alles was wir bisher gemacht haben. Sie bestehen nicht aus Plastik, sie sind nicht aus Fleisch und Blut. Sie bestehen aus diesen fluoreszierenden winzigen Partikeln die eher wie Energie sind, so dass sie sich ganz schnell und ganz langsam bewegen können. Ihre Farben sind die Primärfarben, so dass sie wirklich unglaublich einzigartig sind.” Das war eine große Herausforderung.

Außerdem mussten wir auch ihre Welt, also den menschlichen Geist – genauer gesagt in Rileys Kopf – darstellen. Obwohl wir wirklich unsere Hausaufgaben gemacht haben – wir haben mit Experten über menschliche Emotionen und den menschlichen Geist gesprochen – all diese Dinge werden als Gedankenprozesse- und Systeme behandelt. Es gibt Vorstellungen davon, wie das menschliche Gehirn funktioniert und was wo sitzt, aber sie hatten keine visuelle Repräsentation, denn wir sprechen hier über ein abstraktes Konzept. Also mussten wir eine komplette Welt und die Systeme darin entwerfen. Wir mussten Dinge darstellen, die uns bekannt sind. Zum Beispiel: „Wie ruft man sich Erinnerungen zurück in das Gedächtnis?“ oder „Wo werden Erinnerungen gespeichert?“. Und wenn man träumt „Wer ist dafür zuständig und wo passiert das alles? Wie funktioniert das alles?“. Unsere Diskussionen über all diese Dinge endeten so: “Okay, es macht Spaß, dass wir verstehen, was der menschliche Geist alles tun kann, aber wir wissen immer noch nicht, wie das alles aussieht.” Wir mussten eine Menge von Grund auf erarbeiten.

©2015 Disney•Pixar. All Rights Reserved.

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BluGadgets: Können Sie uns ein bisschen etwas über die verschiedenen Inseln erzählen, die Ihr Team in Rileys Kopfs entworfen hat und was Sie dazu inspiriert hat? War es ihre eigene Kindheit oder die der Kinder von Mitarbeitern?

Del Carmen: Nun, als wir anfingen, waren Pete und ich die Einzigen, die an der Geschichte gearbeitet haben. Also sprachen wir die ganze Zeit miteinander darüber, wie wir als Kinder waren und wie es ist Eltern zu sein, weil wir beide Kinder haben. Meine sind älter als seine und wir beschrieben unsere Kinder auf eine Art und Weise, die uns dabei half, eine klarere Vorstellung von diesen Inseln zu bekommen. Wir haben die Idee von tatsächlichen Persönlichkeitsinseln diskutiert. Es ergab sich aus der Geschichte, dass wir herausfinden wollten, was Teil deines Kindes ist. Was würde man als Elternteil bedauern, wenn es verschwindet oder sich mit der Zeit ändert?

Wir unterhielten uns darüber über die Kindheit unserer Kinder und unsere eigene Kindheit, sowie die Dinge, die wir an unseren Kindern vermissen. Ich erzählte meine Geschichte oder Peter seine und sie waren irgendwie gleich: Als unsere Kinder noch klein waren, da konnten sie mit jedem sprechen. Sie sind einfach auf einen Erwachsenen zugegangen und haben über irgendwas angefangen zu reden. Sie waren sehr selbstbewusst und sie konnten sich mit Freunden oder egal wem und egal in welchem Alter unterhalten. Da kommt die Chit-Chat Insel her.

Auch total wichtig ist die Freundschaftsinsel, weil sie mit ihren Freunden zusammen sein wollen. Wenn man irgendwo hingeht, heißt es: „Kann ich einen Freund mitbringen?“ Wenn man in den Urlaub fährt: „Kann mein Freund mitkommen? Kann mein Freund rüber kommen?” So Sachen halt … Und so anfingen wir an, Aspekte von Rileys Persönlichkeit zu entwerfen, die wir bei unseren eigenen Kindern bemerkt haben, als diese sich verändert haben. Ich habe beobachtet das sie auf einmal total von etwas begeistert waren und dann war es plötzlich wieder weg. Es gab eine Zeit, da war Riley total begeistert von Eishockey und es war ein wichtiger Teil ihres Lebens, also gab es die Eishockeyinsel.

So etwas haben wir auch mit unseren Kindern erlebt: Meine Tochter war für eine Weile von der Violine besessen und sie quengelte „Dad, ich will die Violine spielen! Ich will die Violine spielen!“ Und ich dann so „Wenn du die Violine spielen willst, dann bekommst Du Stunden.“ „Dad ich will eine Violine! Ich will eine Violine“ „Wir werden eine mieten.“ „Ach, ich will keine Gemietete spielen, ich will meine eigene.“ Sie bekam Stunden, es gab Konzerte und sie spielte in einem Orchester. Es war spaßig und dann war es einiges Tages einfach weg. Keine Violine mehr. Ich dachte nur „Was ist passiert? Du hast die Violine so geliebt. Du wolltest dieses Ding und Du hast mir keine Ruhe gelassen. Du übtest und dann . . . ist es weg“ Und als Eltern will man, dass sie es ein bisschen länger machen. Und Riley schien so begeistert von Eishockey zu sein und als Eltern will man nicht, dass das verfliegt wenn ein Wachstumsschub oder Emotionen sie vor Herausforderungen stellt, aber das kann halt passieren.

©2015 Disney•Pixar. All Rights Reserved.

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BluGadgets: Alles steht Kopf visualisiert die Grundstrukturen unseres Gehirns auf geniale Art und Weise. War der Bildungsaspekt des Film wichtig für Sie und Pete Docter?

Del Carmen: Für Pete und ich wurden von John Lassetter herausgefordert: „Lasst uns recherchieren, lasst uns eine Menge recherchieren. Lasst uns alles recherchieren, denn wir wollen es richtig machen.“ Was wir damals, vor fünf Jahren, wollten und dachten war: Wäre es nicht großartig, dass wenn wir unseren Film der Öffentlichkeit zeigen und Experten des menschlichen Gehirns und der menschlichen Emotionen da sitzen würden, die von einem Ohr zum andere lächeln und sie alle sagen würden: „Ah! Pixar hat es genau getroffen! Das ist genau wovon ich rede, wenn ich über den menschlichen Geist oder die Emotionen spreche!” Wir wollten also sicher gehen, dass wir uns nicht vor diesen Spezialisten blamieren.

Für uns als Geschichtenerzähler war es so, dass wir nicht genug über den menschlichen Geist wussten, um die Geschichte glaubwürdig erzählen zu können. Wir mussten sehr lange mit einer Menge Experten sprechen. Was wir über den menschlichen Geist und die Emotionen erfuhren, das schaffte es letztendlich in den Film, denn es gab uns eine Struktur, die wir visuell darstellen und dramatisieren konnten. Natürlich haben wir uns kreative Freiheiten genommen, aber die Basis von dem, was wir gelernt haben, kam auch in den Film.

Ich habe mich mit einer Menge weltbekannter Experten getroffen. Ich habe die Columbia Universität besucht. Dort haben sie ein globales Programm für psychische Gesundheit und es wird tatsächlich von der WHO (World Health Organisation) gesponsert. Sie haben dem Film einen Preis verliehen. Das sind Profis, die über dieses Thema pausenlos mit der Öffentlichkeit sprechen und versuchen zu erklären was Emotionen tun und wie sie zu bewerten sind. Und sie sagten: „Ihr habt diese Diskussion viel einfacher für uns gemacht, denn jetzt können die Leute auf diese Figuren zeigen und sie können verstehen was Emotionen sind.“ Es hat ihr Leben sehr bereichert, denn jetzt können sie mit den Menschen sprechen und auf den Film verweisen. Wenn man ein Kind ist, das frustriert ist und man fühlt sich wütend, dann ist die Unterhaltung jetzt einfacher, denn man kann auf die Figur namens Wut zeigen und sagen, dass ist die Emotion, die gerade in mir überwiegt. Es ist einfach und sehr unterhaltsam. Und man hat eine Wahl. Das ist das andere Konzept, dass wir einbinden wollten. Du bist nicht deine Emotionen. Emotionen sind etwas, die einfach die Kontrolle übernehmen. Sie helfen dir und sie navigieren dich durch die Herausforderungen im Leben, aber sie sind nicht du. Du hast tatsächlich ein Mitspracherecht darin, wie Du dich fühlst.

©2015 Disney•Pixar. All Rights Reserved.

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BluGadgets: In der Vergangenheit haben sie auch an vielen Comics gearbeitet. Können wir in der Zukunft mit weiteren Illustrationswerken von Ihnen rechnen?

Del Carmen: Das hoffe ich! Ich vermisse es. Ich habe eine Menge Kollegen hier bei Pixar und wir machen alle Graphic Novels und wir lieben Comics, weil es mit dem Filme machen verwandt ist. Sie haben eine lange Geschichte, man folgt den Figuren und sie haben Dialoge und Herausforderungen. Es ist etwas, dass ich vermisse und woran ich die ganze Zeit denke.

©2015 Disney•Pixar. All Rights Reserved.

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BluGadgets: Gibt es einen oder mehrere Künstler, die Sie als Illustrator interessant oder sogar inspirierend finden?

Del Carmen: Die eine Person von der ich weiß, dass sie mich immer inspirieren wird ist Hayao Miyazaki, der ebenfalls Comics zeichnet. Seit ich bei Pixar bin haben wir ihn einige Male besucht und ich staune jedesmal, wie sehr sich seine Storyboards Manga ähneln. Jetzt wo er sich zur Ruhe gesetzt hat, hat er wieder angefangen Manga zu zeichnen und es ist immer noch so, dass man sagen will: „Es fühlt sich an wie ein Film, bitte machen Sie ihn.“

Der andere, der mir einfällt ist Moebius (Jean Giraud). Er war Franzose und ist schon verstorben. Von ihm gibt es so einen reichen Fundus an Geschichten, die durch Illustrationen erzählt werden. Diese Männer, genauso wie all die Disney Künstler, die diese Filme gemacht haben, die ihre Fähigkeiten im Geschichten erzählen in die Entwicklung eines jeden dieser Filme steckten – ganz besonders in die klassischen – inspirieren mich bis heute. Ich liebe es, über die Geschichte dieser Filme zu lesen.

©2015 Disney•Pixar. All Rights Reserved.

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BluGadgets: Jetzt sind wir doch neugierig: Pizza mit Brokkoli, mögen Sie das?

Del Carmen: (Lacht) Dieses ganze Pizzeria Geschichte, wo man jede Form von Pizza bekommen kann, solange es die Pizza des Tages ist, wurde von einer echten Pizzeria die Straße runter von Pixar inspiriert. Es gibt sie wirklich und sie haben all diese sehr ungewöhnlichen Geschmacksrichtungen und Garnierungen, die man normalerweise nie mit einer Pizza in Zusammenhang bringen würde. Aber nein . . . und ich liebe Brokkoli, genauso wie Pete, es ist eines meiner Lieblingsgemüse.


Alles steht Kopf [Blu-ray] Regisseur: Peter Docter Studio: Walt Disney Erscheinungsdatum: 11. February 2016 Laufzeit: 95 Minuten EUR 9,99 bei Amazon.de (Partnerlink)