Review: Xenoblade Chronicles X (Wii U)

Mit Xenoblade Chronicles X erschien am 4. Dezember 2015 eines der langersehntesten Spiele für Nintendos Wii U. Entwickelt vom J-RPG-Veteran Studio Monolithsoft, welche sich bereits für das großartige Xenoblade Chronicles (Wii, 2010) verantwortlich zeichneten, waren die Erwartungen an das Spiel extrem hoch. Konzipiert als ein unabhängiges Sci-Fi Sequel mit mehr Fokus auf Freiheiten, bewegt sich Chronicles X deutlich von seinem Story-getriebenem Vorgänger weg. Doch ist dieser gewagte Schritt gelungen? Ich bin für euch tief in die Welt von Xenoblade Chronicles X eingetaucht und darf euch nun verraten, ob der Hype gerechtfertigt ist.

Ein wichtiger Hinweis vorab: Aufgrund meines aktuell sehr stressigen Alltags habe ich es bisher nicht geschafft, die lange Hauptstory des Spiels abzuschließen und den vollen Umfang der Spielmechaniken auszukosten. In meinen über 27 Stunden Spielzeit konnte ich mir jedoch ein gutes Bild davon machen, wie sich der Titel spielt und wo seine Stärken und Schwächen liegen. Alle Meinungen die ich in diesem Review vertrete basieren auf diesem Kenntnisstand. Wenn ich die Zeit finde, werde ich den Artikel zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal überarbeiten um das komplette Spiel zu bewerten.

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Irgendwo im gefährlichen Paradies

Xenoblade Chronicles X erzählt den Überlebenskampf der letzten Menschen, nachdem die Erde und ihre Bewohner in einer Schlacht zwischen zwei Alienrassen zerstört wurde. Gestrandet auf einem fernen Planeten namens Mira, versuchen die letzten Überlebenden der Menschheit sich auf ihrem neuen Heimatplaneten zurecht zu finden und der Vernichtung durch feindlich gesinnte Alienvölker zu entkommen. Im Spiel schlüpft ihr in die Rolle eures eigens erstellten Avatars, welcher ohne Erinnerungen an Vergangenheit aus einer Rettungskapsel geborgen wird. Ihr findet euch in einer atemberaubenden, aber auch gefährlichen Welt wieder und schließt euch der “BLADE” Einheit an, um das Überleben der Menschheit zu sichern.

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Das letzte Schiff der Menschen rettet sich von der Erde.

Wer Xenoblade Chronicles auf der Wii oder dem New 3DS gespielt hat, der wird von der ersten Minute starke Unterschiede zwischen dem Spiel und seinem Wii U Nachfolger erkennen. Nachdem das Opening Cinematic gelaufen ist, werdet ihr direkt ins Spielgeschehen geworfen und bekommt dabei deutlich weniger Hilfestellungen und Einführungen als noch in Xenoblade Chronicles. Dort wurden dem Spieler die Mechaniken über den Verlauf von mehreren Spielstunden in kleinen Häppchen nahegebracht, während Chronicles X den Spieler ins kalte Wasser wirft. Keine zwei Minuten nachdem das Spiel begonnen habt, kämpft ihr schon mit den ersten Monstern und macht Bekanntschaft mit dem Gebiet “Primordia”, der erste Teil des Planeten, den ihr entdecken dürft. Ihr werdet begrüßt von einer sagenhaften, weitläufigen Landschaft, bevölkert von dutzenden unterschiedlicher Spezies. Neben schwachen Lebewesen trefft ihr direkt auch auf sehr starke Spezies, einige davon so großes wie ein Mehrfamilienhaus. Sofort richtete sich bei mir ein Drang zum Erkunden und Entdecken dieser scheinbar unangetasteten Welt ein. Ein sehr guter Ersteindruck, der für viele Spielstunden anhielt.

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Primordia: ein echter Blickfang zu Spielbeginn.

Die erste große Haltestation auf eurer Reise ist New Los Angeles, der Rückzugsort der Menschen. Die große, wenn auch manchmal etwas spärlich bevölkerte Stadt dient als Hub für alle wichtigen Aktivitäten in Xenoblade Chronicles X. Hier erhaltet ihr neue Missionen, kümmert euch um eure Ausrüstung und rekrutiert neue Teammitglieder. Neben der ersten großen Storymission, warten hier schon eine Reihe kleiner Nebenquests auf euch. Als Spieler wird einem spätestens zu diesem Zeitpunkt klar, dass sich dieser Titel nicht mit anderen J-RPGs der letzten Jahre zu vergleichen ist. Chronicles X setzt Spielumfang an erste Stelle und bietet dem Spieler Freiheiten, die man ansonsten so nur aus MMORPGs wie z.B. World of Warcraft gewohnt ist. Ihr habt keine Lust auf die Hauptmission? Fein. Lasst sie erst einmal links liegen, erkundet ein paar Stunden die Geheimnisse der Spielwelt, trainiert euer Team und taucht dann wieder in die Handlung ein. Diese Unabhängigkeit hat jedoch auch zur Folge, dass man als Spieler nicht mehr so sehr von der Story gefesselt wird, die auch erzählerisch nicht an die Qualität des Vorgängers herankommt. Zwar bietet sie mit rund 75 Stunden Spielzeit mehr als genug Inhalt, doch konnte ich mich bisher noch nicht so richtig für die Science Fiction Handlung begeistern. Doch das ist ausnahmsweise voll okay, denn dafür hat es mir die Welt von Xenoblade Chronicles X wirklich angetan.

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Briefing mit dem Chef: eine typische Xenoblade Chronicles X Cutscene.

Gerade in den ersten zwei Dutzend Spielstunden, in denen ihr die Spielwelt noch zu Fuß erkunden müsst, fühlt sich Mira unglaublich groß und faszinierend an. Jeder Teil des Planeten besitzt einen anderen, einzigartigen Look. Sei es nun die wunderschöne Fauna Noctilums, die grüne Felsenlandschaft Primordias oder die raue Einöde Oblivias – Xenoblade Chronicles X hat es immer wieder geschafft mich zum Staunen zu bringen. Ebenfalls sehr positiv anzurechnen ist die Tatsache, dass es Monolithsoft geschafft hat, die gesamte Welt nahtlos zu gestalten. Sofern ihr nicht per Fasttravel von einem Ort zum nächsten springt, werdet ihr in der Spielwelt mit keinem einzigen Ladebildschirm konfrontiert. Auch gibt es keine unsichtbaren Barrieren, die euch davon abhalten, Spielbereiche zu besuchen, die erst im späteren Spielverlauf von Relevanz sind. Wer mag der kann sich die gesamte Welt direkt ansehen, auch wenn euch die starken Monster vermutlich sehr schnell den Gar ausmachen werden. Doch eine große Spielwelt kann schnell langweilig werden, wenn es nicht viel zutun gibt. Wie sieht es also in Xenoblade aus? In Puncto Missionen dürfte es niemandem so schnell an Aufgaben mangeln, auch wenn viele der Missionen sehr monoton sein können. In Mira selbst gibt es viele sammelbare Materialien, die ihr wiederum zur Entwicklung von neuen Ausrüstungsgegenständen nutzen könnt. Auch gilt es an mehreren Dutzend Orten in der Spielwelt Forschungsproben zu installieren, welche euch Geld und nützliche Infos über die Umgebung liefern. Wem der Sinn nach einer Herausforderung steht, der kann sich mit einem Tyrann anlegen. Dabei handelt es sich um extrem starke Varianten von bekannten Spezies, die euch garantiert einen spektakulären Kampf lieferen.

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Noctilum bei Nacht ist einfach bezaubernd.

Apropos Kampf: Wie sieht es eigentlich mit dem Kampfsystem und den Spielmechaniken im Allgemeinen aus? Das Kampfsystem dürfte für Fans der Reihe schnell eingängig sein. Basierend auf dem Echzeit-Action System des Vorgängers, kämpft ihr auch in Xenoblade Chronicles X wieder mit bis zu vier Charakteren gleichzeitig, von denen drei durch den Computer gesteuert werden. Angegriffen wird mit einer ganzen Reihe unterschiedlicher Waffentypen, die von der Klasse eures Charakters abhängig sind, sowie passende Spezialangriffe, besser bekannt als “Arts”. Diese bilden den Kern einer guten Kampfstrategie und werden mit steigendem Level erlernt. Im späteren Spielverlauf kommt mit dem “Overdrive” noch ein weiteres wichtiges Element hinzu. Dieser kann unter bestimmten Umständen aktiviert werden und ermöglicht euch mächtige Kombos mit euren Arts zu vollziehen, die eure Gegner meist schnell zur Strecke bringen. Oben drauf kommen eine Tonne Faktoren, welche die Kämpfe extrem anspruchsvoll gestalten können. So gilt es beispielsweise auf die Positionierung seines Charakters, die Moral des Teams und die aktuellen Sicht- / Wetterverhältnisse zu achten. All diese Dinge spielen in Xenoblade eine Rolle und in meinem Fall dauerte es gut ein Dutzend Stunden, bis ich die letzte Kampfmechanik vollends verinnerlicht hatte. Kein leichter Einstieg, doch es ist genau diese Spieltiefe, die Xenoblade für Fans klassischer japanischer Rollenspiele so interessant macht. Im Gegensatz zu vielen vergeblichen Versuchen der Final Fantasy Reihe das J-RPG Genre zu modernisieren, funktioniert Xenoblade Chronicles X wirklich gut und versucht nicht komplexe Mechaniken auf bescheuerte Art und Weise zugänglich zu machen – etwas, dass vielen J-RPGs dieser Tage zum Verhängnis wird.

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Ab in den Overdrive: So vermöbelt ihr die Gegner richtig.

Eine der coolsten Spielmechaniken bleibt euch jedoch gut 25 Stunden vorenthalten: euer eigener, riesger Mecha-Anzug, a.k.a. “Skell”. Wer sich bereits Trailer zum Spiel angesehen hat, dem wird aufgefallen sein, dass die Skell einen großen Teil des Marketings ausmachen. Zurecht, denn sie sind schon extrem cool. Euren eigenen Skell könnt ihr nicht nur farblich selbst gestalten, sondern auch mit unzähligen Ersatzteilen modifizieren, um ihn zu stärken oder neue Waffen und Fähigkeiten hinzuzufügen. Skells sind jedoch nicht nur cool und ein mächtiges Werkzeug im Kampf gegen große Spezies, sondern erleichtern auch die Navigation durch die Welt von Mira enorm. Das Reisen per Skell geht deutlich schneller, was gerade bei bereits bekannten Gebieten eine enorme Hilfe sein kann. Ich persönlich reise jedoch auch weiterhin am liebsten zu Fuß – zumindest solange ich noch nicht alles gesehen habe, was mir die Welt von Xenoblade Chronicles X zu bieten hat. Als wirklich ätzend empfand ich jedoch die achtteilige Mission, die vorausgesetzt wird, um die Skells nutzen zu dürfen. Während mir vorangegangene Missionen immer recht viel Spaß gemacht haben, markiert diese wichtige Mission meinen Tiefpunkt in Sachen Spielspaß. Die Tatsache, dass man im Anschluss außerdem noch nicht die vollen Skell Fähigkeiten freischaltet – Fliegen könnt ihr erst deutlich später – macht die Sache umso ärgerlicher. Hier zeigen sich die Nachteile des Open-World Systems: Ab einem gewissen Zeitpunkt sind die Missionen etwas zu ähnlich und zäh aufgebaut.

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Der eigene Mecha-Suit ist ein tolles Spielzeug.

Für mich jedoch unverzeihlich ist die Problematik mit dem stark misslungenen Sounddesign des Spiels. Während die englische Sprachausgabe wirklich gelungen ist, lässt sich dies vom Soundtrack nicht behaupten. Statt auf traditionellere Rollenspiel Musik zu setzen, engagierte Monolithsoft den Anime Komponisten Hiroyuki Sawano, welcher durch seine Arbeit an Serien wie “Attack on Titan” und “Kill la Kill” auch im Westen an Popularität gewinnen konnte. Trotz seiner Erfahrung im TV-Bereich, merkt man jedoch sofort, dass Sawano noch viel lernen muss, wenn es um die Komposition von Videospielmusik geht. Der EDM angehauchte Soundtrack klingt zum größten Teil nicht nur sehr generisch, sondern wurde zum Leidwesen der Spieler auch sehr oft mit schrecklichen Songtexten untermalt. Das Ergebnis ist ein Soundtrack der vielmehr stört, als er zur Atmosphäre beiträgt. Zwar gibt es auch ein paar gute Stücke die zum Sci-Fi Setting passen und sich dem Spieler nicht so stark aufdrängen, doch sobald ich aktiv merke das ein Song in Dauerschleife läuft oder Dialoge nicht mehr verstehe, weil die Sprachausgabe von bescheuertem Gesang übertont wird, geht der Spaßfaktor für mich in den Keller. Wer dachte sich nur, dass es eine gute Idee ist, als Haupt-Kampfthema einen Pseudo Linkin Park Song mit Rapeinlagen zu nutzen, den man sich als Spieler zig-tausende Male anhören muss? Fast noch unverständlicher ist die Tatsache, dass es tatsächlich keine Option gibt um die Lautstärke der Musik / Soundeffekte zu regulieren, sodass der Spieler mit diesen groben Schnitzern leben oder das Spiel komplett stummschalten muss. Sehr enttäuschend!

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Manche Dinge sind einfach zu verlockend.

Die Grafik des Spiels kann hingegen überzeugen. Die Welt von Xenoblade Chronicles X präsentiert sich in 720p bei stabilen 30 Bildern / Sekunde. Während meiner Spielzeit habe ich trotz der nahtlosen Spielwelt keinen einzigen Ruckler im Gameplay bemerkt. Eine ziemlich beeindruckende Errungenschaft, gerade wenn man bedenkt, dass andere Open World Spiele auf den deutlich leistungsstärkeren Konsolen von Microsoft und Sony damit Probleme haben. Doch es gibt auch zwei Dinge die mir negativ aufgefallen sind: Bei Kamera Close-Ups während Cutscenes wirken manche Modelle zu kantig und schlecht aufgelöst. Hier hätte man besser ein zweites Modell für die Cutscenes beilegen sollen. Noch deutlich störender finde ich die hässlichen Gesichter der meisten Spielcharaktere. Speziell die Augen sind oftmals viel zu groß und anime-stilisiert, sodass sie einfach nicht in das Gesamtbild passen.

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Die Anime Augen funktionieren hier leider gar nicht.

Eine wichtige Neuerung über die ich noch kein Wort verloren habe, ist der Online-Multiplayer des Spiels. Dieser beschränkt sich stark in seinem Umfang, bietet den Spielern aber immerhin die Möglichkeit, fremde Avatare als KI-Einheit für das eigene Team zu rekrutieren. Zudem ist es weiterhin möglich spezielle Mehrspieler Missionen im “echten” Multiplayer mit anderen Spielern zu zocken. Die Story Missionen lassen sich zwar nicht im Multiplayer absolvieren, aber damit hatte ich ehrlich gesagt auch gar nicht gerechnet. Sehr gelungen finde ich die Integration des GamePad Touchscreen in Xenoblade Chronicles X. Dieser ist permanent aktiv und lässt sich (fast) immer unabhängig bedienen, egal was auf dem TV passiert. Über den Touchscreen lässt sich die Weltkarte studieren, während ihr auf dem TV zeitgleich durch die Landschaft rennt. Dies kann gerade bei langen Strecken sehr praktisch sein. Ihr könnt außerdem kleine Nachrichten an andere Spieler senden und das Spiel auf Wunsch auch komplett auf dem GamePad spielen. Empfehlen würde ich letzteres jedoch nicht, denn obwohl es technisch einwandfrei funktioniert, ist das umfangreiche Interface des Spiels auf dem GamePad kaum noch zu entziffern. Gelegentlich hatte ich sogar Probleme kleinere Texte vom großen Fernseher zu lesen, so viel Informationen präsentiert das Spiel an manchen Stellen.

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Einigen Einwohnern Miras geht man besser erstmal aus dem Weg.

Fazit

Mit Xenoblade Chronicles X ist eines der heißersehntesten Wii U-Exklusivspiele endlich auch im Westen erhältlich. Das Spiel verzaubert den Spieler mit einer wunderschönen Sci-Fi Spielwelt, die zu stundenlangen Expeditionen einlädt und liefert J-RPG Fans das ultimative Gameplay-Paket. Der massive Spielumfang tröstet auch darüber hinweg, dass die Story bei diesem Xenoblade Spiel etwas in den Hintergrund gerückt ist. Langeweile kommt auf dem fantastischen Planeten Mira jedoch nicht so schnell auf, obwohl sich Spieler etwas gedulden müssen, bis sie einige Features wie die Mecha-Anzüge freischalten. Wirklich negativ ist mir lediglich der misslungene Soundtrack, sowie einige langatmige Spielmissionen aufgefallen. Nichtsdestotrotz ist Xenoblade Chronicles X ein Must-Have für Wii U Besitzer – insbesondere für Fans fordernder Rollenspiele. Es gibt einfach kein vergleichbares Spielerlebnis auf der Konsole und vermutlich auch nicht auf den Plattformen der Konkurrenz. Gute Arbeit, Monolithsoft.


Xenoblade Chronicles X - Standard Edition - [Wii U] (Nintendo Wii U) Publisher: Nintendo Erscheinungsdatum: 4. December 2015 EUR 29,95 bei Amazon.de (Partnerlink)


8.7
Faszinierend

Pros

  • Riesige, wunderschöne Open-World
  • Umfangreiche Spielmechaniken
  • Sehr viele Beschäftigungen

Kontras

  • Schlechter / störender Soundtrack
  • Zunehmend frustrierendere Missionen
  • Misslungene Gesichter

Unser Fazit


Gameplay
9
Präsentation
8
Umfang
9