Review: Steve Jobs

Ein genialer Visionär, aber unhöflich und schwierig: Steve Jobs (*1955-✝2011), da sind sich die meisten einig, war nicht gerade ein liebenswerter Typ. Der Mann, der Apple zu einer Kultmarke machte, ist erst vier Jahre tot und nach heutigem Standard in Sachen Social Media Präsenz gibt er nicht viel her – er fuhr nicht mit Supermodels in protzigen Sportwagen vor und sein berühmter Rollkragen war zwar von Issey Miyake, aber unaufgeregter geht wohl kein Bekleidungsstück. Warum also ab dem 12. November ins Kino gehen und sich Steve Jobs ansehen?

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Wenn Apple ein neues Produkt vorstellt, dann ist das immer ein echtes Event, was Steve Jobs zu verdanken ist. Steve Jobs, der Film, spielt in den 40 Minuten vor drei Präsentationen (nur zwei davon für Apple), die Jobs gehalten hat: des Macintosh (1984), NeXT (1990) und des iMac (1998). Hinter der Bühne laufen die letzten, hektischen Vorbereitungen, damit alles perfekt läuft. Dabei steht die Marketingchefin Joanna Hoffman (Kate Winslet) Jobs zur Seite. Aber es geht nicht nur um technische Fragen, Apple Mitbegründer Steve Wozniak (Seth Rogen) will, dass er Mitarbeiter würdigt, es gibt Gespräche mit Apple CEO John Sculley (Jeff Daniels) und er ist als Vater, wenn auch als widerwilliger, seiner unehelichen Tochter gefragt.

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Regisseur und Oscar-Gewinner Danny Boyle (Slumdog Millionär) sagt über seinen neuen Film, dass er kein Biopic ist, sondern eine “Abstraktion” und zitiert Drehbuchautor Aaron Sorkins (Oscar für The Social Network) Beschreibung, der Film sei ein “impressionistisches Porträt”. Was abschreckend nach forcierter Kunst klingt, aber glücklicherweise nicht so wirkt. Das Drehbuch ist eine wahre Tour de Force, fließend trotz der 3-Akt-Form eines Theaterstücks – nur das die Handlung hier immer hinter anstatt auf der Bühne stattfindet, denn bevor die Präsentationen beginnen, wird abgeblendet; ist es zudem erstaunlich humorvoll und mit tollen Dialogen versehen. Dank der überragenden Schauspieler, besonders Fassbender und Winslet, ist man sofort fasziniert und empfindet selbst die technischen Kniffe als überraschend organisch. Den Schauspielern ist es auch zu verdanken, dass einem der stark dialoglastige Film mit seinen 122 Minuten Laufzeit nicht zu lang vorkommt. Natürlich kann es ein bisschen anstrengend sein, wenn man so viel Text nicht gewohnt ist, aber sich darauf einzulassen, lohnt sich.

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Um noch einmal auf den impressionistischen, abstrakten Charakter zurückzukommen: was genau soll das? Impressionistisch bedeutet hier, dass zum einen extrem selektiv erzählt wird und zum anderen Sorkin sich einen Großteil ausgedacht hat. Es ist, mal abgesehen vom unpassend rührseligen Ende des Films, das einzig wirklich Ärgerliche an diesem Film. Steve Jobs war eine reale Person, zu der es sehr reale Geschichten und Fakten gibt. Nimmt man diese nur sehr lose als Inspiration, dann sollte man seine Fantasie noch ein bisschen mehr bemühen und sich fiktive Namen ausdenken. Man wäre in bester Gesellschaft – Citizen Kane, der von vielen für den besten Film aller Zeiten gehalten wird, basiert schließlich u.a. auf William Randolph Hearst, dem amerikanischen Zeitungsmagnaten. So aber hat es den faden Beigeschmack, dass die Filmemacher künstlerischen Anspruch und ihr eigenes Schaffen über alles stellen. Wäre das Drehbuch nicht so eindrucksvoll und die Schauspieler nicht so exzellent, würde Boyle dafür vermutlich – und zu Recht – abgekanzelt.

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Was den Filmemacher wirklich gelingt, unabhängig davon, wie wahrheitsgemäß die Dinge dargestellt werden, ist, einen Eindruck des Menschen Jobs zu schaffen. Dieser entspricht sehr der Vorstellung, die man bereits hat, aber hier wird alles ein wenig in Perspektive gesetzt und auch wenn man weiterhin geneigt ist, Wozniak zuzustimmen, dass man sehr wohl genial und höflich sein kann, wird auch deutlich, dass Jobs immerhin nicht aus Spaß an der Freude Menschen vor den Kopf stieß. Warum man die Vater-Tochter Beziehung so in den Fokus setzte, seine anderen Kinder aber verschweigt, kann man diskutieren (genauso wie die Frage, ob es diesen Film inhaltlich gebraucht hat) aber vielleicht wird gerade hier der impressionistische Charakter am deutlichsten: alles dient nur dazu, einen bestimmten Eindruck zu vermitteln. Das gelingt, lässt einen aber auch kalt.

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Fazit

Steve Jobs ist zwar kein Biopic im klassischen Sinn und nimmt sich dichterische Freiheiten, aber es ist ein faszinierender und unterhaltsamer Film, der viel fesselnder ist, als seine Form vermuten lässt. Das ist vor allem den brillanten Darstellungen von Fassbender und Winslet, denen Oscar-Nominierungen sicher sein dürften, zu verdanken, die das Tüpfelchen auf dem i(-Drehbuch) von Aaron Sorkin sind.

8
i-nteressant

Pros

  • Tolle Schauspieler
  • Interessantes Drehbuch
  • Sehr gutes Tempo

Kontras

  • Emotional kalt
  • Unpassend rührseliges Ende
  • Dichterische Freiheit

Unser Fazit


Handlung
8
Präsentation
8