Review: MACBETH (OV)

Am 29. Oktober kommt mit MACBETH die neueste Verfilmung des  Shakespeare Tragödienklassikers in die Kinos. In den Hauptrollen des wohl berühmtesten machthungrigen Tyrannenpaares der Weltliteratur: Michael Fassbender und Marion Cotillard. Der Trailer verspricht gewaltige Bilder und die englische Presse überschlug sich bereits vor Lob, warum also, möchte man die Kritik mit dem vermutlich bekanntesten Zitat aus Macbeth: “By the pricking of my thumbs, something wicked this way comes.” (“Mich jucken die Daumen sehr, etwas Böses kommt daher.”) beginnen?

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All hail Macbeth

Schottland im Mittelalter. Nach einer brutalen, aber siegreichen Schlacht, beginnt der unaufhaltsame Aufstieg des Heerführers Macbeth (Michael Fassbender). Drei mysteriöse Frauen prophezeien ihm, dass er bald König von Schottland sein wird. Angetrieben von der Prophezeiung und von seiner ehrgeizigen Frau (Marion Cotillard), ermordet Macbeth seinen König Duncan (David Thewlis), um selbst den Thron von Schottland zu besteigen. Sogar seinen treuen Freund und Mitwisser Banquo (Paddy Considine) lässt er beseitigen. Doch je brutaler seine Schreckensherrschaft wird, desto mehr plagen Macbeth und seine Frau die Dämonen ihrer Schuld. Aber dann verbündet sich Duncans Sohn Malcolm (Jack Reynor) mit Macbeths größtem Widersacher Macduff (Sean Harris).

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Einen Film wie MACBETH zu besprechen, ist nicht die dankbarste Aufgabe, denn für wen bespricht man ihn? Für Anglistikstudenten (Shakespeare, die heilige Kuh des Fachbereichs!), Theaterfreunde (Kultur!), Gymnasiasten (Warum müssen wir das lesen?) oder allgemeine Kinofreunde (Magneto als Braveheart!)? Nun, die Anglisten sollten wissen, dass das Drehbuch von Jacob Koskoff, Todd Louiso, Michael Lesslie und natürlich auch William Shakespeare für die Neuinterpreation zwar in veraltetem Englisch gehalten ist, aber auch nicht wenig vom Originaltext abweicht. Film bietet natürlich ganz andere Möglichkeiten in Sachen Darstellung, womit wir bei den Theaterfreunden wären. Die werden vielleicht den Wald in seiner häufigen Bühnenform vermissen, aber dafür gibt es Bühnensprengende, grandiose Landschaften, man hat also keinen Grund zum jammern. Gymnasiasten interessiert es eh nicht, denn Kinobesuch toppt Unterricht sowieso. Bleiben also die allgemeinen Freunde des Kino, die wirklich abwägen sollten, was ihnen bei einem Film wichtig ist.

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Ein Deutsch-Ire und eine Französin als das schottische Ehepaar Macbeth, wer angesichts des Casting die Stirn runzelte, wird in MACBETH eines Besseren belehrt, denn Fassbender und Cotillard sind schlichtweg fantastisch in ihren Rollen. Entschlossenheit, Machthunger, Unsicherheit, Reue, Wahnsinn – Fassbenders Darstellung des Macbeth ist eine ganz große. Ebenso Marion Cotillards ehrgeizige Lady Macbeth, die einen trotz aller Ruchlosigkeit als tragische Figur berührt. Beide Schauspieler zeigen solch eine Präsenz, dass selbst die größten Bilder und Kulissen – und davon gibt es einige – die Schauspieler nie überwältigen. Cotillard, die aussieht, wie aus einem Gemälde entstiegen, versucht sich übrigens gar nicht erst an einem schottischen Akzent, sie spricht ein klares, gut verständliches Englisch und das passt. Apropos Sprache, diese Filmkritik bezieht sich auf die Originalversion und für die muss man wirklich sehr gut Englisch können. Selbst wenn man es kann, ist es auf Dauer sehr anstrengend, aufgrund der ungewohnten, weil völlig veralteten Sprache. Zwar trägt dies zur Atmosphäre bei, aber manchmal versteht man halt nur “Rhabarber Rhabarber“.

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Nicht nur die Schauspieler sind großartig, die Kostüme, die Sets und die Landschaften, eingefangen in gewaltigen Bildern von Kameramann Adam Arkapaw (1. Staffel True Detective), machen MACBETH zu einem optischen Highlight. Betonung auf optisch, den akustisch ist der Film die Folter. Die Musik ist so trostlos und so gewollt bedeutsam, dass sie vor allem eines macht: an den Nerven zerren. Es mag ja Kunst sein, aber sie ist ungefähr so erfreulich, wie einem wiederwillig Bratsche übendem Kind stundenlang zuzuhören. Zurück zur Optik: dass Arkapaws Bilder von überhöhter Schönheit sind, braucht man nicht zu diskutieren, aber dass Regisseur Justin Kurzel konsequent darin schwelgt, anstatt sie auch mal dienlich zurückzunehmen, darf man ruhig bemängeln. Wenn anfangs die Kamera auf die viel zu jungen Soldaten hält, dann vermag das zu berühren, aber kaum geht das Gemetzel los, ist man nur noch mit der Bewunderung der Bildkompositionen beschäftigt. Wären die Schauspieler – und zwar nicht nur Fassbender und Cotillard – nicht so gut, wäre das den ganzen Film so.

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Macbeth gehört nicht umsonst zu den berühmtesten Werken Shakespeares – Machtgier und skrupelloser Ehrgeiz kommen schließlich nie außer Mode. Was Regisseur Kurzel allerdings am meisten interessierte, war die Idee von Macbeth als Krieger und diese Gewichtung sieht man dem Film an und zwar nicht unbedingt zum Vorteil. All die Fragen, die sich Kurzel stellte, z.B. ob Mord Macbeths Reaktion auf das Trauma des Kriegs ist, erreichen nur, dass der Zuschauer Macbeth immer distanziert beobachtet und herzlich wenig Empathie aufkommt. Ist man dann auch noch von der Musik genervt, dann fällt einem etwas auf, was, wenn man es laut sagt, einem sehr wahrscheinlich Prügel von den Feuilletonisten einbringt: der Film ist langweilig.

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Fazit

MACBETH ist ein 113min lang Film gewordenes Gemälde, aber leider mit fürchterlicher Musik und sprachlich anstrengend. Cotillard und Fassbender sind zwar exzellent und sehenswert, genauso wie die Bilder von Kameramann Arkapaw, aber als Ganzes ist der Film nicht emotional zwingend. Das Potential ist da, aber Drehbuch und Regisseur hätten nochmal überarbeitet werden müssen. Für Studenten, Dozenten und Freunde von tiefgründigen Diskussionen bei einem Glas Wein, ansonsten ist MACBETH eine Bildungslücke, die man sich erlauben darf.

6
Anstrengend

Pros

  • Cotillard & Fassbender sind superb
  • Großartige Naturkulisse und Sets
  • Starke Bilder

Kontras

  • Fürchterliche Musik
  • Sprachlich anstrengend
  • Berührt nur sporadisch
  • Überhöhte Bilder machen Symbolik zunichte
  • Langweilig

Unser Fazit


Handlung
5
Präsentation
7