Review: Sicario

Es gibt keinen Begriff wie feelbad movie, vielleicht weil die meisten der Filme, die einen mit einem flauen Gefühl im Magen aus dem Kino entlassen, in Kategorien wie Dokumentation, Kriegsdrama oder Betroffenheitskino fallen. Man könnte Sicario, der am 1. Oktober in die Kinos kommt, mangels passender Begrifflichkeit als feelbad movie bezeichnen, oder ganz schnöde als (Drogen-)Thriller, aber wirklich gerecht wird man Sicario wohl erst, wenn man ihn als den neuen Film von Denis Villeneuve (Prisoners) bezeichnet. Was durchaus als Gütesiegel zu verstehen ist.

Sicario_007

sicario [si’karjo] – Auftragskiller

Als Kate Macer (Emily Blunt), eine FBI-Agentin, die in Arizona ein auf Entführungsfälle spezialisiertes Einsatzteam leitet, auf amerikanischem Boden ein Todeshaus eines mexikanischen Kartells entdeckt, ist es das Grausamste, was ihr je untergekommen ist. Als sie das Angebot annimmt, Teil einer verdeckt operierenden Task-Force, die Jagd auf die Drahtzieher der Drogenkartelle macht, zu werden, ahnt sie noch nicht, dass sie sich sehr schnell auf einem geheimen Schlachtfeld wiederfinden wird, dessen Regeln sie nicht kennt und wo die Grenzen zwischen Gut und Böse anfangen zu verschwimmen.

Sicario_018

Sicario ist einer der seltenen Filme, wo einfach alles zusammenpasst. Für das Drehbuch von Taylor Sheridan, vielen bekannt als Deputy Chief David Hale aus Sons of Anarchy, hätte man keinen besseren Regisseur als Denis Villeneuve finden können. Villeneuve hat schon 2013 mit Prisoners bewiesen, dass er ein Händchen für Geschichten hat, die in Sachen Moral nicht nur im grauen, sondern dunkelgrauen Bereich operieren. Der Kanadier belässt es aber nicht dabei, dem Zuschauer aufzuzeigen, dass es zwischen Gut und Böse viel Raum gibt, er verzichtet auch darauf, mit dem Finger zu zeigen und verweigert so dem Zuschauer einen moralischen Kompass. Es kann doch keine Frage sein, wer im Kampf gegen die Drogenkartelle, die Guten und die Bösen sind? Theoretisch ja, aber unglücklicherweise hat Realität selten etwas mit Theorie zu tun. Hier setzt Sicario sehr geschickt an: wenn man nicht mehr weiß, ob es ein Kampf gegen oder um die Drogen ist, und wenn man selbst zum Monster werden muss, um das Monster zu besiegen – was macht das aus einem Selbst? Wie hoch darf der Preis sein, wenn man an das große Ganze denkt? Da kann die Nadel des eigenen und vermeintlich gefestigten moralischen Kompass durchaus anfangen auszuschlagen.

Sicario_001

Sicario ist aber kein kopflastiger Film, der einem mit philosophischem Geschwafel auf den Magen drückt. Ganz im Gegenteil, was Villeneuve, wie aktuell kaum ein anderer, versteht, ist solch eine Thematik als Grundlage für einen extrem packenden Film mit reichlich Actionszenen zu nehmen. Letztere lassen einen teilweise vor Spannung den Atem anhalten oder unruhig im Kinosessel hin- und herrutschen. Die Sequenz mit dem Tunnel ist auch eine der besten Umsetzungen des Blicks durch Nachtsichtgeräte, die man seit langem gesehen hat. Natürlich fliegen auch ordentlich Kugeln, aber es hat eine ganz andere Qualität als in einem handelsüblichen Action-Film. Kate Mercer kommt aus einer Welt, wo man sich für jede Kugel rechtfertigen muss und sieht sich plötzlich mit einer Welt konfrontiert, in der weder Papierkram noch Menschenleben wirklich zählen. Wer die Actionszenen, wie ein Kritiker bei unserem Pressescreening, einem “Ballerspiel” gleichsetzt oder sich über die teilweise extrem heftigen Bilder (z.B. verstümmelte Leichen, die an Brückenpfeilern in der Stadt baumeln) beschwert, den sollte man mal für eine Bildungsreise nach Ciudad Juárez, Mexiko schicken. Nett da.

Sicario_013

Die perfekte Kombination von Drehbuch und Regisseur, den drastischen Bildern von Kameramann Roger Deakins und spannender Action wäre aber nichts wert, würde auch nur einer der Schauspieler nichts taugen. Sicario ist aber nicht nur bis in die Nebenrollen ideal besetzt, sondern hat in Emily Blunt und Benicio del Toro zwei Schauspieler, die mit Glanzleistungen aufwarten. Blunts Kate Mercer fängt als starke, idealistische Frau an, die an den Wert von Regeln glaubt. Aber im Lauf des Films wird sie mit Situationen konfrontiert, unter denen ihre Werte und ihre Stärke anfangen zu bröckeln. Alejandro (del Toro) sagt ihr, dass sie in diesem Kampf nicht überleben wird, denn sie ist jetzt unter Wölfen – aber sie selbst ist keiner. Er selbst, das versteht sich, ist ein Wolf – aber auch einer mit vielen Gesichtern. Wie Kate ist sich auch der Zuschauer nie sicher, was genau in seinem Kopf vorgeht. Stück für Stück kristallisiert sich seine Motivation und Aufgabe heraus und umso komplexer es wird, umso schwieriger wird es ihn einzuschätzen. Auch Josh Brolin überzeugt als kompromissloser Agent Matt Graver. Allerdings zieht er den Zorn des Publikums weniger wegen der Art, wie er mit Kate umgeht, auf sich, als wegen dem permanenten und vor allem lautstarken Kaugummi kauen. Hier hätte man bei der Tontechnik wirklich Mitleid mit dem Zuschauer haben können. Aber Blunt stiehlt allen die Show – man kann ihr förmlich dabei zusehen, wie sie innerlich zerbricht. Ihre subtile Gestik und vor allem Mimik macht sie zu einer der besten Schauspielerinnen, die das Kino aktuell hat, und man kann nur hoffen, dass ihr keine Botoxnadel jemals zu nahe kommt.

Sicario_003

Man kann nicht über Sicario sprechen, ohne den Soundtrack zu erwähnen, der das absolute i-Tüpfelchen auf einem ohnehin schon gelungenen Film ist. Die Musik stammt von dem Isländer Jóhan Jóhannsson und verstärkt perfekt die Atmosphäre von Anspannung, Unruhe und Angst über die gesamten 121min. Wenn etwas diesen feelbad Charakter intensiv verbreitet, im besten Sinne, dann ist es sie. Sie lässt die grausamen Bilder noch schrecklicher erscheinen und macht die Actionszenen noch spannender. Es ist sicherlich auch der Musik zu verdanken, dass der Film noch lange nachklingt.

Sicario_006

Fazit

Die Welt mag schlecht sein, aber Sicario ist alles andere als das. Es ist eine sehr gelungene filmische Umsetzung dieser kleinen Nachrichtenmeldungen am Rande, dass in Mexiko schon wieder kopflose Leichen am Stadtrand, die Köpfe aber aufgespiesst am Zaun einer Schule gefunden wurden. Brutal, sowohl in der Thematik, den Bildern und der Spannung, dazu mit packenden Actionsequenzen, einer exzellenten Besetzung und einem phänomenalen Soundtrack ist Sicario einer der interessantesten, spannendsten und besten Filme des Jahres. Nur besser fühlen wird man sich danach nicht.

FSK: 16

9.5
Hart

Pros

  • Genialer Soundtrack
  • Blunt & Del Toro spielen herausragend
  • Spannend und nervenaufreibend
  • Angemessen (heftig) brutal
  • Erstaunlich konsequent

Kontras

  • Brolins Art Kaugummi zu kauen nervt übelst
  • Verantwortung der Konsumenten hätte man erwähnen können

Unser Fazit


Handlung
9
Präsentation
10