Review: Straight Outta Compton

1985 kam das neugegründete Parents Music Resource Center (PMRC) mit der Idee auf, Musikalben mit anstößigem Inhalt mit einem Aufkleber zu kennzeichnen, nichtsahnend, dass nur ein Jahr später in Compton, Kalifornien, die Hip-Hop Band N.W.A. (Niggaz Wit Attitudes) gegründet würde. N.W.A.’s 88er Album Straight Outta Compton mit dem Song “F*ck tha Police” war wie gemacht für den Parental Advisory Aufkleber, den heute jeder in seiner schwarz-weißen Form kennt. Über 25 Jahre später, kommt am 27. August ein Film in die Kinos, der die Geschichte der “gefährlichsten Band der Welt” und dieses Albums erzählt. Was aber ist Straight Outta Compton geworden? Ein Gangsta Rap Epos für Felgen polierende Poser oder Reality Rap, der den Kontext für den Soundtrack einer desillusionierten Generation liefert?

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Ice Cube (O’Shea Jackson, Jr.) und Dr. Dre (Corey Hawkins) sind heute Musikgrößen, die selbst einem Mainstreampublikum bekannt sind. 1986 sind sie aber noch unbekannte junge (Ice Cube war erst 17) schwarze Männer aus dem Problemvorort Compton, im Süden von Los Angeles. Crack (Kokain) hatte seinen Siegeszug angetreten und brachte seine Freunde Gangs und Waffengewalt mit. Die Polizei, überfordert und ohne einem Kontrollorgan Rechenschaft stehen zu müssen, reagiert mit willkürlicher Brutalität und Racial Profiling. Es herrscht eine angespannte Stimmung in Compton, als Eazy-E (Jason Mitchell), ein kleinkrimineller Drogendealer, sich entschließt, mit dem dealen aufzuhören und sein Geld in die Musik zu stecken. Zusammen mit Ice Cube, Dr. Dre, MC Ren (Aldis Hodge) und DJ Yella (Neil Brown, Jr.) gründet er N.W.A. Der Bandname, wie auch ihre Musik ist eine Reaktion auf das, was sie tagtäglich erleben. Das allerdings will niemand seitens der Behörden und Medien wahrnehmen und sie werden davor gewarnt ihren Song F*ck tha Police live zu spielen, aber N.W.A. sind längst zum Sprachrohr einer desillusionierten, gefrusteten und zutiefst verbitterten Generation von jungen Schwarzen geworden. Egos, Tantiemenstreit und der nicht unumstrittene Manager Jerry Heller (Paul Giamatti) sind der Grund, warum Ice Cube 1989 die Band verlässt. Es ist der Anfang vom Ende.

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Straight Outta Compton wurde u.a. von Ice Cube, Dr. Dre und Eazy-E’s Witwe produziert, alle überlebenden N.W.A. Mitglieder standen als Berater dem Filmteam zur Seite und O’Shea Jackson Jr., Ice Cube’s Sohn, spielt die Rolle seines Vaters. Man könnte angesichts solcher Hilfe zynisch einen selbstbeweihräuchernden Film erwarten, aber das Ergebnis beeindruckt mit seiner authentischen Darstellung der gesellschaftlichen Situation, dem perfekt getroffenen Zeitkolorit und dem genialem Casting. Gerade der starke Anfang wirkt wie ein wohlgezielter Tiefschlag und vermittelt auch Zuschauern aus gutbürgerlichem Hause einen guten Eindruck, was diese jungen Männer dazu trieb Songs wie F*ck tha Police zu schreiben. Nicht minder beeindruckend sind die Konzertszenen und die der 92er Aufstände in Los Angeles nach dem Rodney King Urteil. Hier hätte man es sich mit Archivaufnahmen einfach machen können, aber der Preis wäre gewesen, dass man den Rest als nicht mehr so authentisch empfunden hätte. Stattdessen hat sich das Produktionsdesign selbst übertroffen und eine preiswürdige Leistung vollbracht, die auf ganzer Linie überzeugt. Glaubwürdig sind auch die Schauspieler und das nicht nur aufgrund ihrer verblüffenden Ähnlichkeit mit den N.W.A. Mitgliedern. Zu Paul Giamatti muss man ohnehin nicht viel sagen, er liefert erneut eine top Darstellung ab. Auch R. Marcus Taylor als Suge Knight ist so lebensecht abstoßend, dass man mildernde Umstände geben müsste, würde jemand im Publikum auf die Leinwand schießen. Das einzige Fehlcasting, was dafür umso mehr – und erheiternd – auffällt, ist das von Snoop Dogg, der aber nur kurz zu sehen ist.

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Nicht alles an Straight Outta Compton ist spitze. Der Film ist mit 147 Minuten zu lang, was aber eigentlich nur auffällt, weil der Film gegen Ende immer vollgestopfter wird. Das entspricht zwar auch den wahren Begebenheiten, aber vielleicht hätte sich der Mut zu einem drastisch früheren Ende ausgezahlt. Damit hätte man auch das etwas sehr auf die Tränendrüse drückende Ende vermeiden können, denn selbst ohne diese Schlussszenen wäre der Film ein gelungenes Andenken an den verstorbenen Eazy-E. Zudem fällt der Drogenkonsum der Band hier so unter den Tisch, dass es auffällt. Da man sich ansonsten nicht übermäßig den Heiligenschein poliert, kann man allerdings ein Auge zudrücken. Zumal Straight Outta Compton sicherlich zur Überraschung vieler die Figur des Jerry Heller relativ neutral präsentiert. Ebenfalls überrascht, dass Universal den Film synchronisieren ließ – wenn ein Film danach verlangt, im O-Ton mit Untertiteln gezeigt zu werden, ist es dieser.

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Das Wichtigste zum Schluss: die Musik. Man muss Hip-Hop nicht einmal mögen, um hier zu begreifen, dass dies außergewöhnlich talentierte Musiker sind. Qualität ist einfach Qualität. Der Sound ist perfekt abgemischt und bringt Dr. Dre’s geniale Beats voll zur Geltung. Die Schauspieler, die solange übten, bis sie selbst die typischen Handbewegungen der Musiker beim Plattenauflegen drauf hatten, liefern zudem begeisternde Performances. Zu den Highlights gehört auch Eazy-E’s erster Versuch am Mikro im Tonstudio – Comedy Gold! Natürlich sind die Songs von N.W.A. überhaupt erst der Grund, warum es diesen Film gibt, aber Regisseur F. Gary Gray spielt nicht einfach ein Album runter. Ihm ist es gelungen, eine ideale Balance zwischen Musik und Geschichte zu finden.

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Fazit

Straight Outta Compton ist nicht nur ein gelungenes Musiker-Biopic, sondern auch ein Paradebeispiel für die Relevanz von Kontext. Ein Film, der mit seinem unbequemen Blick auf die Ursprünge des Reality Rap von N.W.A. wie eine Ohrfeige für Gangsta-Bling-Poser und Moralapostel herkommt. Er besticht durch eine perfekte Balance von Musik und Story, einem nahezu makellos agierenden Cast und beindruckendem Produktionsdesign. Lediglich das vollgestopfte Ende stört etwas und das der Film überhaupt synchronisiert wurde. Ein Muss für Fans und Pflicht für die, die in der Musik, statt in der Realität, den Ursprung des Übels sehen.

FSK 12

8.5
Hit

Pros

  • Perfektes Casting & Zeitkolorit
  • Eindrucksvoller Anfang
  • Super Sound(&-track)
  • Beindruckende Konzert- & Aufstandszenen

Kontras

  • Zu lang
  • Verliert in Synchro
  • Drogenkonsum fast komplett rausgelassen
  • Mieses Snoop Dogg Casting

Unser Fazit


Handlung
8
Präsentation
9