Review: Love & Mercy

Es scheint das Jahr der filmischen Musikerbiographien zu sein, gerade erst lief ein Film über Kurt Cobain an, der kommende über Amy Winehouse sorgt schon im Vorfeld für Schlagzeilen und jetzt läuft am 11. Juni mit Love & Mercy Bill Pohlands Film über Brian Wilson an. Brian wer? Na der von den Beach Boys. Wehe dem, der jetzt wieder wer fragt.

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Brian Wilson, weiß man heute, ist ein musikalisches Genie. Damals in den 60ern sah man das eher weniger so. Vom Vater mit sprichwörtlich fester Hand erzogen und schließlich gemanagt, schrieb Wilson Welthits für seine Band, die Beach Boys. Doch er wollte und konnte nicht immer den selben Surfsound schreiben. Das Ergebnis: Pet Sounds, das heute als Klassiker gilt, sich aber schlechter verkaufte als die vorherigen Alben und erst Recht nicht mit den Beatles konkurrieren konnte. Sein Vater prophezeite Brians Abstieg, es kam zu Unstimmigkeiten innerhalb der Band, Drogen kamen ins Spiel und Brian legte ein immer merkwürdigeres Verhalten an den Tag. Als sich Brian in die Hände des umstrittenen Dr. Eugene Landy (Paul Giamatti) begibt und nur noch ein Schatten seiner selbst ist, schreibt ihn die Musikwelt ab. Die Begegnung mit der Cadillac Verkäuferin Melinda Ledbetter (Elizabeth Banks) sollte seinem Leben jedoch eine überraschende Wende geben.

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Die Rolle des Brian Wilson mit zwei Schauspielern zu besetzen anstatt mit Hilfe eines begnadeten Maskenbildners zu arbeiten, dass kann man nachvollziehen, aber Paul Dano, logischerweise als der junge Brian, und John Cusack? Wie stark muss der Knick in der Optik sein, damit die zwei sich ähnlich sehen? Oder ist es gar ein Besetzungsgag, um Publicity bei einem Publikum zu generieren, welches neulich auch dachte, dass Kayne West der Entdecker von Paul McCartney sei? Wie sich herausstellt, war es ein genialer Casting Coup von Regisseur und Produzent Bill Pohland (12 Years a Slave) im Dienst der Geschichte, die Love & Mercy erzählt. Jegliche Sorge, man könne sich vor lauter aber-die-sehen-sich-doch-nicht-ähnlich nicht auf den Film konzentrieren, war umsonst, denn es fällt einem im Film nicht mal auf. Was wiederum daran liegt, dass Dano und Cusack zu Hochform auflaufen. Gerade Cusack wurde für seine Darstellung des gebrochenen Genies, das wieder Lebensmut schöpft, nach den ersten Festivalvorführungen mit Lob überhäuft. Danos Leistung ist aber vielleicht noch einen Tick beeindruckender, denn wie er das Zerbrechen seiner empfindsamen Seele und den Erfolgs- und Erwartungsdruck hinter dem freundlichen, pausbackigen Gesicht des jungen, erfolgreichen Musikers auf die Leinwand mit Zurückhaltung statt over-acting transportiert, beweist wieder einmal, dass Dano zu den besten seiner Generation gehört. Die Nebenrollen in Love & Mercy sind ebenfalls sehr gut besetzt. Besonders Elizabeth Banks, Brett Davern und natürlich Paul Giamatti sind ganz stark.

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Der Star der Beach Boys war schon immer die Musik und diese wird erfreulicherweise reichlich im Film verwendet, von den fröhlichen Hits wie Surfin’ USA oder I Get Around, wo der Fuß mitwippt (Barbara Ann fehlt allerdings), bis zu Songs wie God Only Knows oder Good Vibrations, die einen jetzt im Kontext von Wilsons Lebensgeschichte noch mehr beeindrucken und berühren. Wem all die Titel nichts sagen, dem kann man den Gang zum Plattenladen, der elterlichen Plattensammlung oder halt iTunes nur ans Herz legen. Es ist schwer zu sagen, wie leicht jemand Zugang zu Love & Mercy  findet, der noch nie von den Beach Boys gehört hat, aber er ist sicherlich nicht als Einführungsfilm gedacht. Besonders interessant ist er natürlich für Fans der Beach Boys, Musikerbiographien, der 60er und alle die, die immer naserümpfend dachten, dass Wilsons Problem lediglich die Drogen waren. Auch wer schlichtweg gute und interessant gemachte Filme mag, der ist hier richtig, mit der kleinen Einschränkung, dass die zwei Stunden Laufzeit ruhig ein paar Minuten kürzer hätte sein können. Dafür ist er aber schön gefilmt und trifft die Zeit sehr gut – nicht zuletzt dank der hervorragenden Arbeit von Kostümdesigner Danny Glicker.

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Fazit

Love & Mercy ist ein bisschen mehr als nur ein Musiker-Biopic. Es ist eine berührende, interessante und wirklich schön gefilmte Geschichte von einem genialen Mann, der an seinem Talent, psychischen Problemen und der falschen Behandlung fast zerbrochen wäre. Trotz der tragischen Aspekte ist es ein Film, der viel Freude bereitet, nicht zuletzt dank der Musik, der Lebensbejahung auf zwei Beinen in Form von Elizabeth Banks und den brillanten Darstellungen von Dano und Cusack, die ebenso wie das Kostümdesign preisverdächtig sind. Sehr schön verfilmt zielt Love & Mercy auf ein etwas älteres Publikum und ist lediglich einen Hauch zu lang.

8
Beeindruckend

Pros

  • Dano und Cusack sind phänomenal
  • Tolles Zeitkolorit
  • Musik wunderbar eingebaut
  • Berührend

Kontras

  • Bisschen zu lang
  • Stark auf Publikum ausgerichtet, dass Wilson kennt

Unser Fazit


Handlung
8
Präsentation
8