Review: A Most Violent Year

Der Frühling naht und am 19. März kommt mit A Most Violent Year ein Film ins Kino, in dem Heizöl eine zentrale Geschichte spielt und in dem ein eiskalter Wind, winterlicher als auch geschäftlicher Natur, dem Protagonisten ins Gesicht bläst. 125min Kälte und Gewalt statt erster Sonnenstrahlen? Jessica Chastain und Oscar Isaac statt Eisbecher beim Italiener? Ja! Warum und für wen, wir durften ihn schon sehen und berichten.

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Als sich die Radionachrichten wie eine Aufzählung von Todesanzeigen anhörten

1981 war das Jahr mit der höchsten Verbrechensrate, die die Stadt New York je gesehen hatte. Im Winter ’81 bekommt Abel Morales (Oscar Isaac) das Angebot, ein für sein Heizölgeschäft strategisch optimales Grundstück zu erwerben. Abel, ein Einwanderer, der sich vom Ölfahrer zum Inhaber einer Heizölfirma hochgearbeitet hat, und seine Frau Anna (Jessica Chastain), die Tochter eines Kleingangsters, riskieren alles und machen die nicht erstattbare Anzahlung. Sie haben einen Monat Zeit mit dem Restbetrag in Millionenhöhe aufzukommen, aber ausgerechnet jetzt werden ihre Tankwagen überfallen und gestohlen, ihre Vertriebler zusammengeschlagen, jemand schleicht nachts um ihr Haus und der stellvertretende Bezirksstaatsanwalt hat es auch auf sie abgesehen. Abel, der den amerikanischen Traum immer ehrlich erarbeiten wollte, steht plötzlich vor einer Reihe schwieriger Entscheidungen.

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In Regisseur J.C. Chandors Filmen (Der große Crash – Margin Call, All is Lost) geht es um das Eskalieren einer Krise oder eines Zusammenbruchs, ob nun finanzieller, professioneller, psychischer oder moralischer Art. A Most Violent Year ist da keine Ausnahme. Chandor setzt Abel vor die Kulisse New Yorks, das in Gewalt versinkt, wo die bisherigen Machtstrukturen zwischen Rathaus, Mafia und der Geschäftswelt zusammengebrochen sind und wie im Wilden Westen es für Besitzer kleiner Geschäfte und Firmen gilt, dass sich jeder selbst der Nächste ist. Wie lange kann sich jemand wie Abel seine Rechtschaffenheit bewahren, während er die soziale Leiter hochsteigt, die längst moralisch korrumpiert ist? Kann man so überhaupt seine Familie beschützen? Was ist, wenn die eigene Existenz plötzlich gefährdet ist?  Chandor stellt seinen Protagonisten vor viele unangenehme Entscheidungen, die sich alle ganz organisch stellen. Das ist eine der großen Leistungen des Films, denn man hat nicht das Gefühl, dass das Drehbuch Abel auf einen Spießrutenlauf schickt, sondern dass alles Teil dieses Mikrokosmos ist. Entscheidungen ziehen nun mal Konsequenzen nach sich. Welche Abel – und nicht nur er – treffen wird und mit welchem Ergebnis, macht diesen Film so interessant und spannend.

amvy_day15-745.CR2A Most Violent Year ist eher ein Film für Leute mit Geduld, die ihre Teenagertage schon hinter sich gelassen haben, als einer für das reine Blockbusterpublikum. Das Erzähltempo ist old-school, die Thematik und besonders die Figuren sehr erwachsen. Nicht umsonst wird A Most Violent Year von vielen Kritikern in einem Atemzug  mit Sidney Lumets Klassikern Serpico und Hundstage genannt. Natürlich sind Vergleiche unvermeidlich, aber Isaac ist auf dem besten Weg, selber zu einem ganz großen Namen zu werden, als nur der neue Pacino zu sein. Jessica Chastain an seiner Seite erhielt für ihre Rolle verdient eine Golden Globe Nomierung. Sie und Isaac als das Power Paar tragen viel zu der Dynamik des Films bei. Sie sind nicht eines dieser frischverliebten Paare, sie sind schon länger verheiratet, haben drei Kinder, Hund, Mercedes und Traumhaus, aber gerade bei Anna steckt hinter all den Statussymbolen immer noch die Tochter eines Gangsters. So wie Abel seinen schweren, kamelfarbenen Mantel als Schutz und Symbol trägt (wird er ihn dreckig machen oder nicht?), so zeigt Annas weißer Mantel von Armani nicht nur ihre kalte Persönlichkeit, sondern auch ihren angestrebten sozialen Status – verstärkt noch durch ihre überlangen Fingernägel und die Frisur.

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Mit Albert Brooks, David Oyelowo, Alessandro Nivola und Elyes Gabel ist A Most Violent Year bis in die Nebenrollen ideal besetzt. Besonders Oyelowo und Gabel sind so überzeugend in ihren Rollen, dass man am liebsten völlig genervt angesichts ihrer Handlungen die Leinwand anbrüllen will, um akute Lebenshilfe zu leisten. Produktionsdesigner John Goldsmith (No Country for old Men), Kostümdesignerin Kasia Walicka-Maimone und Kameramann Bradford Young (Selma) fangen nicht nur die Stimmung und den Zeitkolorit wunderbar ein, sie präsentieren New York auch in klaren, kalten Bildern. A Most Violent Year ist viel, aber kein warmherziger Film.

Fazit

A Most Violent Year ist ein gelungenes Portrait einer Zeit in der New York als Stadt und Gesellschaft an seinem Tiefpunkt und kurz vor dem Boom der 80er stand. Gewalt und Verfall sind die Normalität und trotzdem lebt der amerikanische Traum weiter. Oscar Isaac überzeugt als Mann der immer wieder vor Entscheidungen steht, die ein rechtschaffenes (Geschäfts-)Leben schier unmöglich erscheinen lassen. An seiner Seite brilliert Jessica Chastain als Frau unter deren Armani Mantel immer noch das Herz der Gangstertochter schlägt. Fabelhaft ausgestattet mit kalten Bildern, ist der Film auf eine passende, wenn auch für eine heutige Produktion, langsame und erwachsene Art old-school. Perfekt für Leute, die bei den alten Gangsterfilmen immer seufzen: “Heute machen sie solche Filme nicht mehr.” Doch, C. J. Chandor hat einen gemacht.

FSK: noch o.A.

Copyright-Hinweis zu allen Bildern: © SquareOne/Universum

8.5
old-school

Pros

  • Spannend & interessant
  • Stylish & tolles Zeitkolorit
  • Super besetzt

Kontras

  • Anfang zieht sich etwas
  • Einige Figuren lassen einen kalt
  • Die Kinder wirken wie Staffage

Unser Fazit


Handlung
8
Präsentation
9