Review: American Sniper

Ein Held! Ein Feigling! Ein Patriot! Kriegsverherrlichung! Eine Legende! In den USA hat American Sniper nicht nur bereits über 300 Millionen US Dollar eingespielt, sondern für heftige Diskussionen gesorgt, die wieder einmal mehr emotional als sachlich geführt werden. Der für sechs Oscars nominierte Film von Clint Eastwood kommt am 26. Februar auch in Deutschland in die Kinos und natürlich wird sich so mancher fragen: was interessiert mich die Geschichte eines amerikanischen Scharfschützen? Die Antwort kann man völlig frei von Polemik geben: es ist ein wirklich guter Film.

AMERICAN SNIPER

“Es sind die Gesichter derer, die man nicht retten konnte, die man nicht vergessen kann.”

Es gibt drei Sorten von Menschen, erklärt Chris Kyles Vater seinen beiden Söhnen. Schafe, Wölfe und Hütehunde. Chris, der 1974 in Texas geboren wurde und schon als Kind Talent als Schütze auf der Jagd mit seinem Vater zeigte, ist ein Hütehund, einer, der die Schwachen beschützt. Er meldet sich bei der Armee, wo er die Ausbildung zum Navy SEAL beginnt. Nach dem Abschluss lernt er seine zukünftige Frau kennen und besucht er die Sniper School, wo er zum Scharfschützen ausgebildet wird. Es folgen vier Einsätze im Irak. Seine Aufgabe: seine Kameraden von einem verborgenen Punkt aus zu beschützen. Er ist so gut darin, dass er den Spitznamen „Legende“ erhält und mit 161 offiziell bestätigten tödlichen Schüssen, inoffiziell geht man von weit über 200 aus, ist Kyle bis heute der präziseste Scharfschütze der US Armee. Aber niemand geht viermal in den Krieg und kommt unverändert zurück.

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American Sniper basiert auf der Autobiografie von Chris Kyle. Dass Eastwood, der mit Flags of Our Fathers und Letters from Iwo Jima bereits Kriegsfilme als Regisseur drehte, die Geschichte von Kyle erzählen wollte, lag daran, dass es den Tribut aufzeigt,  den nicht nur der Soldat im Krieg zahlt, sondern auch dessen Familie zu Hause. “Es ist gut daran erinnert zu werden, was auf dem Spiel steht, wenn man Menschen in den Krieg schickt und das man die Opfer, die sie bringen, anerkennt.”, so Eastwood und er macht das sehr geschickt. Wer in der Lage ist, offen in diesen Film zu gehen, wird feststellen, dass es zwar eine klare Aufteilung von Gut (Amerika) und Böse (Irak) gibt, die sich zwangsweise aus der Erzählperspektive ergibt, dass es aber weder um eine politische Grundsatzdiskussion noch um eine Glorifizierung von Krieg geht. Hier geht es darum, was es für jemanden bedeutet, der mittendrin steckt. Krieg, das wird hier sehr deutlich, ist für Soldaten keine Folge aus Unsere kleine Farm, wo man über alles mal reden kann oder nur ein Bericht auf CNN. Wenn man durch Kyles Zielrohr ein Kind sieht, dass von seiner Mutter mit einer Granate auf einen amerikanischen Konvoi losgeschickt wird – da darf man sich ruhig auch mal die unangenehme Frage stellen, wie man selbst reagieren würde. Wer meint, dass hier glorifiziert wird, der hat zu lange in der dünnen Luft hoch oben auf dem moralischen Ross gesessen.

AMERICAN SNIPER

Bradley Coopers Oscar-nominierte Darstellung von Chris Kyle ist ein Grund dafür, dass American Sniper so gut funktioniert. Cooper, der für diese Rolle enorm an Muskelmasse zulegte und Sniper Training absolvierte, zeigt die innerliche Veränderung von Kyle in kleinen Gesten, in Blicken und in der Körperhaltung. Wie die anderen Soldaten hat er immer einen flotten Spruch auf der Lippe, aber gerade in den Szenen, die zu Hause spielen, da lässt sich der enorme seelische Druck erahnen, der sich bei seinen Einsätze aufgebaut hat. Es bedürfte nicht einmal Sienna Millers, die hier seine Frau spielt, Kommentare, dass er nicht wirklich das Kriegsgebiet hinter sich gelassen habe. Wie schon in Foxcatcher überzeugt Glamourgirl Sienna Miller hier als normale Hausfrau.

Außer für den Besten Film und Hauptdarsteller erhielt American Sniper vier weitere Oscar-Nominierungen, allesamt zu Recht. Das Drehbuch kann man durchaus als knackig bezeichnen, so fokussiert ist es. Es gibt kein überflüssiges Gelaber, die Geschichte entwickelt sich in einem zügigen Tempo und die 134 Minuten Laufzeit fühlen sich nie zu lang an. Folglich gab es auch eine Nominierung für den Schnitt. Dazu kommt, dass der Film ungemein spannend ist – was immer eine besondere Leistung bei der Verfilmung des Lebens einer realen Person ist. Ebenfalls herausragend ist der Sound, für den es zwei Nominierungen (Editing & Mixing) gab. Die Hubschrauber klingen, als würden sie einem über die Köpfe hinweg fliegen, bei Feuergefechten drückt es einen fast in den Sessel so nah ist man dran und wenn ein Geschoss Kyles Gewehrlauf verlässt und seine tödliche Bahn aufnimmt, dann ist das glasklar zu hören. Was an American Sniper außerdem besonders auffällt, ist der reale Look des Films. Weder wurde ein Graufilter über die Bilder gelegt, um die Kriegsthematik zu visualisieren, noch sind die Bilder überhöht schön, so wie bei Unbroken. Apropos real – American Sniper hat eine Freigabe ab 16 erhalten und das mit gutem Grund.

AMERICAN SNIPER

Wir haben in dieser Besprechung bewusst alles rausgelassen, was man als Spoiler verstehen könnte. Schließlich ist die Lebensgeschichte von Chris Kyle hierzulande nicht so geläufig wie in den USA. Das Problem ist, die beiden Hauptkritikpunkte haben beide mit dem Schluss zu tun. Die letzte Szene kommt etwas unvermittelt, hier wird kommentarlos viel Geschichte einfach übersprungen, sie ist zu lang und passt irgendwie nicht, und die Archivaufnahmen, die während der Credits laufen, passen vom Ton her ebenfalls nicht wirklich – allerdings zeigen sie erst richtig auf, wie sehr sich Eastwood in seiner Inszenierung zurückgehalten hat. Das die Iraker und der syrische Scharfschütze auf Seiten der Iraker blass bleiben, ist jedoch kein Kritikpunkt, da es angesichts der gewählten Perspektive nur konsequent ist.

Fazit

Clint Eastwood hat viele Filme gedreht, aber American Sniper gehört zu seinen besten. Dass so ein Film polarisiert ist normal, dass ihn so viele Menschen bereits gesehen haben, nicht unbedingt. Man kann darüber diskutieren, ob er den Zeitgeist in den USA trifft oder ob er das Motiv des Cowboys im (neuen) Wilden Westen aufnimmt, aber Tatsache ist, dass es ein ungemein spannender und interessanter Film ist, der die Auswirkungen des Krieges auf die Menschen in den Fokus stellt. Dieser Krieg aus der jüngeren Vergangenheit, dessen Hintergründe umstritten sind, ist für die zahlreichen Veteranen, ihre Familien und die Familien der Gefallenen noch lange nicht abgeschlossen. Allein schon deshalb ist American Sniper wichtig.

8
Volltreffer

Pros

  • Sehr spannend
  • Wichtiges Thema
  • Realer Look
  • Extrem guter Sound

Kontras

  • Archivaufnahmen passen vom Ton nicht
  • Die letzte Szene
  • Einige irritierende Ortswechsel

Unser Fazit


Handlung
7
Präsentation
9