Review: Annie

In Irland wurde früher bei der Totenwache getrunken, gelacht und gesungen und so kann man den Zuschauer durchaus verstehen, der sich ab dem 15. Januar im Kino fragt, ob er bei Annie dem Abgesang auf Kreativität und Originalität Hollywoods beiwohnt. Zwar ist die Geschichte ein zeitloser Klassiker (der in seiner ersten Form 1924 als Comicstrip veröffentlicht wurde) für die ganze Familie, und war nicht nur am Broadway als Musical ein Hit, aber die Neuauflage ist nicht nur ein typischer Fall von gut gemeint ist nicht gleich gut gemacht, sondern auch von völlig überflüssig.

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Schlimm, schlimmer, Annie

Die kleine Annie (Quvenzhané Wallis) ist eine Waise im heutigen New York. Von den Eltern einst in einem Restaurant zurückgelassen, aber mit dem Versprechen, für sie eines Tages zurückzukommen, lebt sie jetzt mit anderen Mädchen bei Miss Hannigan (Cameron Diaz). Diese interessiert sich weniger für ihre Pflegekinder, als für die Schecks, die sie dafür bekommt. Als der reiche und eher gefühlskalte New Yorker Will Stacks (Jamie Foxx), der für das Amt des Bürgermeisters kandidiert, sie davor rettet, von einem Auto überfahren zu werden, wittern seine Berater eine großartige Publicity Möglichkeit und bringen Stacks dazu, Annie bei sich aufzunehmen. Als Annie bei ihm einzieht, bringt sie ihre unerschütterliche positive Lebenseinstellung mit und Stacks taut langsam auf, sehr zur Freude seiner Vizepräsidentin Grace (Rose Byrne).

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Annie wurde bereits 1982 von Regielegende John Huston verfilmt. Der Film, der sowohl Oscar- wie Goldene Himbeere-Nominierungen erhielt, spielt 1933 während der Weltwirtschaftskrise. Das fanden die Macher der Neuverfilmung nicht mehr zeitgemäß und transportierten die Geschichte einfach in das heutige New York. Außerdem wollte man den Film einem neuen Publikum zugänglich machen und besetzte die Rolle des rothaarigen Wuschelkopfs Annie mit einem farbigen Mädchen. Die Idee ist nicht die schlechteste. Annies Geschichte ist schließlich nicht an ihre Hautfarbe gebunden, sondern es ist die Geschichte eines Waisenmädchens, dass trotz aller Umstände immer hoffnungsvoll in die Zukunft blickt. Es wäre allerdings von Vorteil gewesen, hätte man ein Mädchen in der Rolle besetzt, das in der Lage gewesen wäre die moderne Annie auch nur ansatzweise sympathisch zu präsentieren. Wer sich so einen Film ansieht, ist ohnehin schon gewillt, mit der Figur zu fühlen, von daher ist es nicht gerade die größte Herausforderung, aber das man sich bei Wallis (die immerhin schon einmal für einen Oscar nominiert wurde) Darstellung nicht für eine Sekunde wundert, dass bisher niemand Annie adoptieren wollte, macht ihre Golden Globe Nominierung zu einem modernen Wunder des Marketing. Aber, vielleicht hat sie sich ja auch nur dem restlichen Team anpassen wollen. Jamie Foxx scheint sich zu fragen, was er in diesem Film zu suchen hat und Cameron Diaz erinnert in ihrem übertriebenen Spiel und ihrem Styling an eine moderne Cruella de Vil, nur ohne bodenlangen Pelzmantel. Rose Byrne wirkt zwar überzeugend verliebt in ihren Chef, allerdings auch eher wie eine Assistentin statt Vizepräsidentin und Bobby Cannavale als skrupelloser Wahlkampfleiter ist die Personifizierung des schmierigen Typens aus dem Klischeehandbuch.

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Das schwache Drehbuch, die suboptimalen Leistungen der Darsteller, die uninspirierte Regie, all das wird ausgerechnet von den Musiknummern noch unterboten – zumindest in der deutschen Fassung. Ob man sie nun mag oder nicht, Lieder wie „Tomorrow“ oder „It’s a Hard-Knock Life“ sind Klassiker, aber auch diese fanden die Filmemacher in ihrer Form nicht mehr zeitgemäß und beauftragten Sia und Greg Kurstin damit, sie zu modernisieren. Das Resultat ist Geschmackssache, aber zumindest okay. Was allerdings die deutschen Texte und Darbietung angeht, so drängt sich schnell der Wunsch auf, sich etwas in die Ohren zu stopfen. Wer für sich den Anspruch erhebt, einen modernen Klassiker zu drehen, der sollte nicht Musiknummern produzieren, die klingen, als kämen sie direkt aus einer Fernseh-Casting-Show. Das Ergebnis klingt nicht zeitlos, sondern gewöhnlich und bemüht. Auch die Texte gewinnen nicht in der Übersetzung.

Fazit:

Annie ist 117 Minuten gut gemeintes, aber schlecht gemachtes Kino. Freigegeben ohne Altersbeschränkung, ist eine hohe Leidensfähigkeit allerdings Voraussetzung, um durch die ausnahmslos schlecht synchronisierten Gesangsnummern sitzenbleiben zu können. Die Charaktere sind allesamt wenig liebenswert und auch die Modernisierung der Geschichte (Stacks verdient sein Vermögen mit Handys) trägt nichts zur Relevanz bei. Wir empfehlen sich Mitgefühl, Zeit und Geld für einen anderen Film oder einen wohltätigen Zweck aufzusparen.

2
Schlimm

Pros

  • Gut gemeint

Kontras

  • Mies synchronisierte Gesangsnummern
  • Over-acting
  • Voller Klischees
  • Viel zu lang

Unser Fazit


Handlung
2
Präsentation
2