Review: The Imitation Game

Die höchste Punktzahl direkt in der ersten Filmkritik des neuen Jahres vergeben, kann man das wirklich bringen? Im Fall von The Imitation Game kann man es nicht nur, man muss es sogar. Nicht nur, weil einem schon während dem Film klar wurde, dass man hier filmisches Erzählen auf höchstem Niveau sieht, sondern weil wir anschließend nichts, aber auch wirklich nichts zu bemängeln hatten. Wer meint wir übertreiben, am 8. Januar werden die BAFTA und am 15. Januar die Oscar-Nominierungen bekannt gegeben – einfach mal die Nominierungen zählen und dann ab dem 22. Januar selber ins Kino gehen.

THE IMITATION GAMETraurig, aber wahr.

The Imitation Game erzählt eine wahre Geschichte, von der bisher nur wenige gehört haben; nicht umsonst lautet der Untertitel “Ein streng geheimes Leben”. Der junge Mathematiker Alan Turing (Benedict Cumberbatch) wird, zusammen mit anderen Code Spezialisten, zu Beginn des zweiten Weltkrieges vom britischen Geheimdienst engagiert, um den Enigma-Code der deutschen Wehrmacht zu knacken, mit dem sie alle Kommunikationen verschlüsseln. Weil Enigma mit über 200 Trilliarden (!) Verschlüsselungsmöglichkeiten zu komplex ist, um von Menschen entschlüsselt werden zu können, scheint der Vormarsch der Deutschen unaufhaltbar. Turing hat die Idee zu einer elektrischen Rechenmaschine, aber um diese zu bauen, braucht er Hilfe und Geld, was ihm beides anfangs verwehrt wird, zu arrogant und unhöflich empfinden ihn Vorgesetzte und Kollegen. Nur die Mathematikerin Joan Clarke (Keira Knightley), eine Aussenseiterin wie er, hält zu ihm. Dank ihrer Hilfe beginnt das Team die Arbeit an “Christopher”, der Maschine, die Enigma knacken soll und das natürlich unter der höchsten Geheimstufe – für Turing noch ein Geheimnis das er wahren muss, denn er ist homosexuell, zu jener Zeit ein strafbares Verbrechen.  Was jedoch niemand ahnt, ist dass das Dechiffrieren des deutschen Codes nicht die schwerste Aufgabe sein wird.

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Auf Papier spricht auf den ersten Blick, mal abgesehen von Cumberbatch und Knightley, nicht zu viel für einen Film der Extraklasse. Der norwegische Regisseur Morten Tyldum hat zwar mit Headhunters den erfolgreichsten Film Norwegens gedreht und Drehbuchautor Graham Moore immerhin einen New York Times Bestseller mit The Sherlockian geschrieben, aber große Namen, die jeder kennt, sind sie halt nicht. Auch die Geschichte und der zeitliche Hintergrund lassen einen schnell ein Kostümdrama befürchten. Aber, The Imitation Game ist das beste Beispiel dafür, dass Qualität wichtiger ist als nur große Namen. So war das Drehbuch von Moore das bestbewerteste Skript in der jahrzehntelangen Geschichte der Black List, Hollywoods Verzeichnis bisher umverfilmter Drehbücher. Kein Wunder, gelang es ihm eine komplexe und zutiefst tragische Geschichte von Geheimnissen spannend und einfühlsam zu erzählen, die Regisseur Tyldum ebenso umsetzte. Wo andere explizite oder schockierende Bilder zeigen würden, wählte Tyldum einen subtileren Ansatz. Wenn er in einer Szene Aufnahmen von deutschen U-Booten, die still im Wasser lauern, zeigt, dann ist das wirkungsvoller, als so manche blutgetränkte Frontszene anderer Regisseure. Aber auch wie Moore und Tyldum die Geschichte aufbauen ist bemerkenswert. So beginnt der Film nach Kriegsende und lässt den verhafteten Turing seine Geschichte erzählen, aber auch in dieser Erzählung gibt es Rückblenden. Mit jedem Geheimnis das gelüftet wird, kommt ein neues zum Vorschein bzw mit jedem Geheimnis, das gewahrt werden muss, kommt ein weiteres hinzu.

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The Imitation Game erzählt mehrere Geschichten. Zum einen natürlich die von der Entschlüsselung von Enigma und den weitreichenden Konsequenzen. Dabei konzentriert sich der Film zwar auf die Ereignisse in Bletchley Park, dem Sitz der Codeknacker des britischen Geheimdienstes, verschweigt aber auch nicht den unschätzbaren Beitrag polnischer Codeknacker, die ihr Wissen 1939 an die Briten und Franzosen weitergaben. Zum anderen erzählt er die von Alan Turing, einem genialen, wenn auch schwierigen, Mann, dessen Homosexualität für die Gesellschaft schwerer wog, als sein Beitrag zum Gewinn des Krieges und der Rettung von unzähligen Menschenleben. Benedict Cumberbatch liefert eine beeindruckende Darstellung als Turing ab. Wie Turing sucht er nicht den Beifall des Publikums, nie überdramatisiert er und vor allem hat man nie das Gefühl, dass er die Rolle angenommen hat, weil er sich vom tragischen Potential viele Auszeichnungen erhofft. Es ist eine würdevolle, berührende und gleichzeitig angemessen zurückhaltende Darstellung. In Alex Lawther fand man glücklicherweise eine ideale Besetzung für Turing als Jungen. Der Film erzählt auch die Geschichte von Joan Clarke, der hochbegabten Mathematikerin, hier verkörpert durch eine starke Keira Knightley, von der die Gesellschaft einen Beitrag als Ehefrau/Mutter, höchstenfalls als Sekretärin erwartete anstatt in der Wissenschaft. Nur der unkonventionell denkende Turing sah ihr Potential fernab sozialer Konventionen, was sich zum Wohle aller auszahlte.

THE IMITATION GAME

Die volle Punktzahl könnten wir trotz der exzellenten Darsteller, darunter auch Matthew Goode, Mark Strong, Rory Kinnear, Charles Dance, Allen Leech und Matthew Beard, nicht vergeben, wären nicht auch die Beiträge der anderen Beteiligten perfekt für diese Geschichte. Das Set-Design, Kostüme, Haare & Make-Up, alles ist wunderbar stimmig und wirkt nie kostümiert oder gar aufgesetzt. Kamera und Schnitt sind ebenso unaufdringlich wie eindringlich und Alexandre Desplats Score untermalt den Film wirkungsvoll ohne lautstark den Zuschauer darauf hinweisen zu müssen, wann es denn an der Zeit für Emotionen sei.

Fazit

Beim Toronto Film Festival 2014 gewann The Imitation Game den heißbegehrten Publikumspreis und die Frage nach dem warum stellt sich erst gar nicht, denn The Imitation Game ist filmisches Erzählen in perfekter Form. Einfühlsam inszeniert mit einem überragend spielenden Cumberbatch fesselt, erschüttert und berührt der Film zutiefst. Es ist zugleich eine Geschichtsstunde, die Geschichte eines Mannes und ein Plädoyer für Toleranz, ohne dies je lautstark zu fordern. Von den 114 Minuten Laufzeit ist keine Minute zu viel oder zu wenig, sowas ist selten. Es ist eine wichtige Geschichte, die zwar zu lange nicht, aber dafür jetzt umso perfekter erzählt wird. Ansehen!

Anmerkung: Auch wenn wir vermutlich einen halben oder ganzen Punkt für die Synchronisation abziehen müssten, tun wir das nicht, da wir das Glück hatten, ihn im Original zu sehen und uns von daher kein faires Bild machen können.

10
Perfekt

Pros

  • Grandiose Darsteller
  • Spannend, tragisch, einfühlsam
  • Perfekt vom Drehbuch bis zur Musik

Kontras

  • Höchstens die Synchro

Unser Fazit


Handlung
10
Präsentation
10