Review: Pebble Steel – Smartwatch im Langzeittest

Mit der Ankündigung der Apple Watch und der Veröffentlichung von Android Wear war 2014 das Jahr der Smartwatch – doch bereits im vorherigen Jahr erschien mit Pebble der erste alltagstaugliche Wearable für das Handgelenk. Doch erst in diesem Jahr lieferte der Kickstarter-Erfolg erstmals offiziell nach Deutschland. Nach einem Monat mit der Luxusvariante Pebble Steel sind alle Karten auf dem Tisch – was bringt die Smartwatch für den Alltag? Wo sind die Schwächen und wo die Stärken?

Technische Daten

Während die “klassische” Pebble mit Silikonarmband und buntem Plastikgehäuse eher an einen Gebrauchsgegenstand erinnert, ist die Pebble Steel – wie der Name bereits aussagt – aus Stahl gefertigt. Dadurch wirkt sie, egal ob nun mit den beiliegenden Leder- oder Stahlarmbändern ergänzt, sehr dezent und geradezu modisch. Ein monochromes LCD-Display basiert auf E-Paper-Technologie sorgt für die sparsame Anzeige der Uhrzeit und Apps, die Verbindung wird über Bluetooth 4.0 + EDR mit allen Android- (ab 2.3) sowie iOS-Geräte (ab iOS 6) ermöglicht. Für die Stromversorgung sorgt ein Lithium-Polymer-Akku, der insgesamt für bis zu sieben Tage halten soll, bis er erneut mit dem proprietären magnetischen USB-Kabel aufgeladen werden muss. Mit 56 Gramm ist die Steel insgesamt 18 Gramm schwerer als die Plastikvariante – aber immer noch deutlich leichter als manche Edelstahlarmbanduhr. Diesem Review liegt die mattschwarz lackierte Pebble Steel zugrunde; alternativ kann sie auch in gebürstetem Stahl erworben werden. Mit 250 Euro rangiert die Pebble Steel im gleichen Preissegment wie die Moto 360 oder die LG Watch R.

Die Pebble-Familie (c) Pebble

Die Pebble-Familie

Look & Feel

Bereits beim ersten Auspacken und Einschalten der Pebble Steel bestätigt sich der seriöse Eindruck der Pebble Steel, der von den Promotionsbildern der Firma vermittelt wurde. Das Stahl-Redesign hat aus dem geekigen Spielzeug ein schlichtes Accessoire gemacht, das sich durch Understatement und Zurückhaltung auszeichnet. Das Gehäuse erinnert ein wenig an die Organizer-Digitaluhren der Firma Casio Anfang der 90iger – ohne dass dies als Kritikpunkt verstanden werden soll. Das Design fügt sich dadurch nämlich gut in beinahe jedes Outfit ein, ohne aus dem Rahmen zu fallen, trotz rechteckigem Bildschirm, der ebenso rechteckige Ziffernblätter geradezu erzwingt. Die mattschwarze Lackierung ist dem seriösen Look sehr dienlich, führt jedoch dazu, dass die Smartwatch nicht nur auf dem Display (das durch kratzfestes Guerilla Glass geschützt wird), sondern am gesamten Gehäuse und am Armband (bei Benutzung des Stahlarmbandes) wie ein rohes Ei gepflegt werden will. Auch Fettabdrücke sind schnell sichtbar und machen die Reinigung der Uhr zeitintensiv. Diese Probleme sollen bei der Variante aus gebürstetem Edelstahl nicht so deutlich ausfallen.

Insgesamt vier Tasten bietet die Pebble Steel, die im gleichen Material wie das Gehäuse gefertigt werden und einen harten Druckpunkt besitzen, der genaues Feedback garantiert. Ein Touchscreen ist nicht verbaut, würde aber auch bei dem verbauten 1,26 Zoll Display für einen geringeren Komfortgewinn sorgen. Selbstverständlich haut das zweifarbige Display niemanden vom Hocker, allerdings kann es kleine Animationen deutlich besser wiedergeben als man dies beispielsweise von einem E-Book-Reader mit E-Ink-Bildschirm kennt. Trotzdem kommt die Frage beim ersten Ausprobieren auf, ob ein Farbdisplay nicht doch vielleicht mehr hermachen würde. Und die universelle Antwort darauf wäre wohl: Ja.

Apps und Konnektivität

Die Verbindung zwischen Pebble Steel und den unterstützten Smart- und iPhones wird über die herstellereigene App hergestellt, die kostenlos heruntergeladen werden kann. Nach kurzer Pairing-Phase ist die Smartwatch voll einsetzbar – was allerdings im Falle von Pebble nicht viel heißt, denn von Haus aus bietet der Hersteller kaum interessante Funktionen: Eine App zur Steuerung der Musik-App auf dem Smartphone, eine App zum Anzeigen von Benachrichtigungen, eine Wecker-App, sowie drei verschiedene Zifferblätter (“Watchfaces”) begrüßen den Neu-Pebbler. Und unterfordern ihn innerhalb weniger Sekunden, sodass der Blick bald in den Pebble-Store schweift. Hier gibt es einige (ca. 1.000 Apps im Februar 2014 laut Hersteller) Anwendungen für die Pebble. So wird schnell aus der Dumbwatch eine personalisierte Smartwatch. Leider können nur insgesamt acht Apps und (!) Watchfaces gleichzeitig auf die Smartwatch geladen werden, was die Anwendungsmöglichkeiten auch etwas einschränkt.

Meine persönlich wichtigste Eigenschaft für eine Smartwatch war die Möglichkeit, alle Benachrichtigungen von meinem Android Smartphone (LG G2) auf mein Handgelenk zu bannen. Im Auslieferungszustand war dies jedoch nicht möglich. Die Pebble-App für Benachrichtigungen kann nämlich nur die Benachrichtigungen einer Hand voll ausgewählter Apps anzeigen – darunter gehört erst seit neustem WhatsApp, andere Messenger-Apps wie beispielsweise Telegram werden noch gar nicht unterstützt. Und das bedeutet: Sobald vom Standard abweichende Apps auf dem Smartphone eingesetzt werden, kann Schluss mit der smarten Uhr sein. Glücklicherweise gibt es genügend Apps für die Pebble Steel, um dieses Manko zu beheben.

Dieses Beispiel soll exemplarisch für den gewagten Crowdsourcing-Ansatz von Pebble dienen: Denn obwohl Pebble theoretisch eine Funktion anbietet, wird trotzdem das Geschick von Hobbyentwicklern benötigt, um diese ausreichend breit zu programmieren. Ebenfalls im Hinterkopf behalten sollte sich ein potentieller Käufer, dass einige Pebble-Apps auch “Companion Apps” auf dem Smartphone benötigen – diese sind teilweise kostenpflichtig, was auch verständlich ist. Dennoch bleibt der fade Geschmack, dass man ein technisch ausgereiftes Produkt hat, dessen Softwaremöglichkeiten jedoch kostenpflichtig ergänzt werden muss, um die angepriesene Smartwatch nutzen zu können.

 

Etwas positiver sieht es im Watchface-Store aus: Hier bietet Pebble ebenfalls nur durchschnittliche und simple Ziffernblätter, die Community um Pebble hat jedoch jede Menge Alternativen geschaffen, die eine höhere Informationsdichte und interessantere Designs, von herrlich schlicht bis ultranerdig bieten. Die kreativsten Watchfaces für Pebble-Smartwatches hat Tim zusammengefasst. Das Pokémon Watchface gehört zu meinen persönlichen Favoriten und hat auch den Sprung auf meine Pebble Steel geschafft.

Alltagstauglichkeit nach vier Wochen

Nach vier Wochen im Dauereinsatz kann ich mit gutem Gewissen sagen: Eine Smartwatch im Allgemeinen und die Pebble Steel im Speziellen kann sich sehr gut in den Alltag integrieren. Allerdings nicht immer optimal – die Wearables stecken sowohl vom Design als auch von der technischen Seite her noch in den Kinderschuhen. Meine einzig feste Anforderung an die Pebble Steel, eine schnell erreichbare Benachrichtigungszentrale am Handgelenk zu bieten, konnte erfüllt werden, wenn auch erst durch eine Drittanbietet-App. Da hier die Auswahl im Pebble- und Play Store groß ist, war die Entscheidung für eine der Apps schwerer als die Einrichtung. Dank der App “Notification Center” konnte ich alle meine Benachrichtigungen auf die Pebble Steel bringen – und das vollkommen kostenlos.

Das dezente Design der Steel machte es im Testzeitraum sogar zu einem perfekten Accessoire für formelle Anlässe – wie beispielsweise einem Vorstellungsgespräch im kaufmännischen Bereich. Dort meisterte sie (mit entsprechend seriösem Watchface) ihre Aufgabe souverän und fiel erst als Gadget auf, als ich sie explizit erwähnte. Auch sonst fiel die Smartwatch nicht auf – oder erst, wenn man länger als 5 Sekunden auf die Uhr schaute um die Benachrichtigungen zu lesen und das markante Vibrieren der Pebble Steel die smarte Uhr verriet. Inzwischen hat der Blick zum Handgelenk den Griff in die Hosentasche abgelöst, sodass ich inzwischen mein Smartphone dauerhaft lautlos habe. Außerdem habe ich eine verblüffende Wandlung feststellen können: Mein Smartphone-Konsum nahm merklich ab, denn nun muss ich nicht mehr bei jeder Benachrichtigung auf das Handy schauen. Stattdessen bin ich nun in der Lage, bereits beim Blick auf die Smartwatch zu erkennen, ob es nun eine unwichtige oder wichtige Benachrichtigung handelt.

 

Auf der anderen Seite ist die Pebble Steel weniger robust, was die Benutzung als Fitness- und Health-Tracker einschränkt. Auch scheint das mattschwarze Finish nicht allzu gut mit Schweiß auszukommen, sodass viele (sportliche) Gründe, sich eine Smartwatch zu holen wegen dem Stahlgehäuse außen vor bleiben. Man taucht im Grunde also Style gegen Praxisnutzen und muss auf zwei große App-Kategorien fast vollständig verzichten.

Mein Fazit

Ich und meine Pebble Steel. Ein ambivalentes Verhältnis zwischen einer tollen neuen Technik, die zwar wenig glänzt, dafür eine hohe Alltagstauglichkeit besitzt. Besonders die Akkulaufzeit von mehreren Tagen (maximal hatte ich fünf Tage Ruhe) ermöglicht ein Gefühl von einem zuverlässigen Begleiter. Die eingeschränkte App-Vielfalt und das “Do it yourself”-Mantra vieler Lösungen sind jedoch störend und macht die Pebble Steel massenmarktuntauglich. Hersteller Pebble hat ein gutes Stück Hardware geschaffen und feilt nun nach und nach an der Software, die einige große Kanten aufweist. Erst vor wenigen Tagen wurde der integrierte Kompass für alle nutzbar gemacht – anderthalb Jahre nach dem Marktstart und fast zwei Jahre nach der initialen Kickstarter-Kampagne. Ich bereue den Kauf nicht, da die zu Grunde Technologie sinnvoll in den Alltag integriert werden kann. Es fehlt jedoch an dem Willen (oder der finanziellen Möglichkeit) zur softwareseitigen Perfektion, die ich nun von Apple erwarte, um dem Segment einen neuen Schub zu geben.

Pebble Steel | erhältlich für 249,00€ bei CoolStuff.de

7.5
Gut

Pros

  • Funktionale OS-Oberfläche
  • Schlichtes Design
  • Lange Akkulaufzeit (ca. 5 Tage)
  • Leder- und Stahlarmband

Kontras

  • Kratzempfindliche Lackierung
  • Minimalistische Hersteller-Apps
  • Nicht zum Sport geeignet
  • Zu viel Vertrauen in Crowdsourcing